Beteiligung von BewohnerInnen
Aktive Gestaltungsmöglichkeiten lassen nachbarschaftliche Beziehungen entstehen und können langfristig zu einer hohen Identifikation mit dem Wohnumfeld beitragen. In Österreich definieren das Wohnungseigentumsgesetz (WEG) und das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz (WGG) Vorgehensweisen gegenüber MieterInnen, die eingehalten werden müssen, z. B. Informationspflichten, das Abhalten von Informationsveranstaltungen in regelmäßigen Abständen, die Durchführung von Umfragen und Abstimmungen unter BewohnerInnen oder die Einhaltung von Fristen. BewohnerInnenversammlungen sind Versammlungen aller MieterInnen bzw. EigentümerInnen in einer Wohnhausanlage. Die Moderation der Versammlung wird meist von der Hausverwaltung wahrgenommen.
Eine Möglichkeit, die darüber hinausgeht und die von Genossenschaften und Hausverwaltungen genutzt wird, ist die Bildung von Kleingruppen mit interessierten BewohnerInnen, beispielsweise im Vorfeld von Sanierungsprozessen, um Wünsche und Befürchtungen der BewohnerInnen persönlich kennen zu lernen. Ein wichtiger Ansatz für die Mitbestimmung und Mitverantwortung von BewohnerInnen wäre die Einführung von MietersprecherInnen in größeren Wohnanlagen, die die einzelnen Gruppierungen mit ihren unterschiedlichen Anliegen vertreten. MietervertreterInnen werden oftmals nur aus konkretem Anlass, z. B. bei Konflikten oder Sanierungen, bestimmt. Sie fungieren als Bindeglied in der Kommunikation zwischen Hausverwaltung auf der einen und den BewohnerInnen auf der anderen Seite.
Wiener Wohnen hat im Jahr 1988 Mitbestimmung, Gleichberechtigung und Mitverantwortung der Gemeindemieterinnen und -mieter in einem Statut festgeschrieben und bietet in Form von Mieterbeiräten die Möglichkeit zur aktiven Mitgestaltung in städtischen Wohnhausanlagen. Generell werden Mieterbeiräte von den BewohnerInnen einer Wohnanlage gewählt und vertreten deren Interessen gegenüber der Hausverwaltung bzw. dem Vermieter. Mieterbeiräte werden auf Mieterversammlungen gewählt. Ihre Befugnisse werden vom Bauträger festgelegt.
Pilotprojekt „Parti. im Bau“ – Partizipation von Jugendlichen in Wiener Gemeindebauten
Im Mitbestimmungsstatut für die MieterInnen von Wiener Wohnen ist auch eine Interessensvertretung für Kinder und Jugendliche vorgesehen, von der selten Gebrauch gemacht wird. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Wohnhausanlage sind allgemein zu wenig bekannt. Es fehlt an Öffentlichkeitsarbeit für die Mietermitbestimmung sowie an konkreter Prozessunterstützung für Mieterbeiräte.
Ziel des mehrjährigen Pilotprojekts „Parti. im Bau“ war das Entstehen einer respektvollen und tragfähigen Dialogkultur in zwei Wiener Wohnhausanlagen, der Otto Probst Siedlung (10. Bezirk) und dem Karl Marx Hof (19. Bezirk). Aufgrund der verstärkten Kooperation zwischen den Gebietsbetreuungen und den Jugendeinrichtungen vor Ort sollten Jugendliche und MietervertreterInnen leichter in Kontakt treten können. Kontakt zu den bestehenden – in den zwei Wohnhausanlagen auch aktiven – Mieterbeiräten wurde geknüpft. Ihre Wünsche, Ideen und Befürchtungen und auch ihre Ziele wurden gesammelt. Im Rahmen der Begleitforschung wurde den Jugendlichen das Projekt vorgestellt und sie wurden nach ihren Interessen in der Wohnhausanlage befragt. Fotoprojekte waren dabei ein geeignetes Mittel, die BewohnerInnen für die Situation in ihrer Wohnhausanlage zu interessieren.
Quelle: UN Habitat Best Practice
Service
Mitsprache und Mitbestimmung während der Nutzungsphase können zu einer höheren Wohnzufriedenheit und Wohnqualität und zu mehr Identifikation mit Wohnung und Wohnumgebung beitragen. Bewohnerservicestellen – z. B. Bewohnerservice Forellenweg in Salzburg –, Wohnberatung – seit dem Jahr 2010 in den Wiener Gemeindebauten –, Siedlungsvereine oder Einrichtungen der Gemeinwesenarbeit – z. B. die Bassena in der Wiener Siedlung Am Schöpfwerk – stehen als Anlaufstellen für BewohnerInnen, als Ort der Begegnung und als Katalysator für Selbst-Organisation und Mitgestaltung zur Verfügung. Sie sollen dazu beitragen, Phänomene der Wohnunzufriedenheit – wie Fluktuation, Delogierungen, Vandalismus – und soziale Konflikte hintanzuhalten. Welche Möglichkeiten und Methoden solche Servicestellen in ihrer Arbeit anwenden können, hängt nicht zuletzt von den Ressourcen ab, mit denen sie ausgestattet sind. Beim 2009 fertig gestellten Wiener Wohnprojekt Orasteig wurden zahlreiche Gemeinschaftsräume errichtet, die von den BewohnerInnen selbst verwaltet und bespielt werden sollen. Dazu werden der Prozess der Nachbarschaftsbildung und der Aufbau eines Mieterbeirats bis ein Jahr nach der Besiedlung unterstützt. Eine umfassende soziologische Betreuung von BewohnerInnen gibt es beispielsweise in der Hafencity in Hamburg.
Bassena Am Schöpfwerk – eine Einrichtung der Gemeinwesenarbeit
Die Bassena ist ein Stadtteilzentrum in der Wiener Siedlung Am Schöpfwerk, das seit Bestehen des Wohngebiets (1982) das Schöpfwerkleben beeinflusst. Die MitarbeiterInnen organisieren den kontinuierlichen Dialog zwischen unterschiedlichen Interessensgruppen und AkteurInnen im Stadtteil, damit sich mit deren Ideen und Engagement sozial nachhaltige Lösungen etablieren. Sie sehen Gemeinwesenarbeit als erprobtes Arbeitsprinzip, mit dem die Wirkungen globaler Entwicklungen im Stadtteil zum sozialen Wohl der Menschen bearbeitet werden. Die Arbeit der Bassena ist drei Schwerpunkten gewidmet:
- soziale Inszenierung
- Mobilisieren von Ressourcen
- Bildung und Stärkung von Netzwerken
Die Bassena stellt den BewohnerInnen Unterstützung und soziale Beratung in persönlichen, familiären oder anderen Problemlagen zur Verfügung. Die BewohnerInnen können die siedlungseigenen Medien (Stadtteilzeitung „Schöpfwerk Schimmel“, Radio Schöpfwerk) ebenso für ihre Anliegen in Anspruch nehmen, wie die Räume der Bassena und deren (Büro-)Infrastruktur. Wenn BewohnerInnen öffentliche Feste veranstalten, unterstützt sie die Bassena mit dem zur Verfügung stehenden Equipment und Hilfe in der Organisation.
Evaluierung: Post Occupancy Evaluation
Mit Befragungen der NutzerInnen – mittels Interviews oder Fragebögen – nach Bezug eines Gebäudes kann die Zufriedenheit mit dem Objekt gezielt erhoben werden und das Gebäude bzw. geplante Objekte können optimiert werden. Im Rahmen des Forschungsprogramms „Haus der Zukunft“ wurden beispielsweise die BewohnerInnen von Passivhäusern nach Einzug befragt, um herauszufinden, wie sie mit neuen Technologien wie z. B. kontrollierten Wohnraumlüftungsanlagen zu recht kommen.
Das OTB Research Institute für Housing and Urban Mobility Studies in Delft führt in den Niederlanden Projekte zu den Themen „Gesundheit“ und „Lüftung“ in Wohngebäuden durch. Für die Einbeziehung der BewohnerInnen wurden Bewertungsinstrumente entwickelt, die der Selbstevaluation der MieterInnen und der Bestandaufnahme von Mängeln in den Wohnbereichen dienen. Dabei zeigt sich, dass allein die Einbeziehung der NutzerInnen in die Erstellung von Mängellisten einen wahrnehmbaren positiven Effekt auf ihre Motivation bei zu setzenden Sanierungsmaßnahmen bewirkt.