
von Martin Hauszer
Das Thema Partizipation war in der Entwicklungszusammenarbeit bereits zu einem Zeitpunkt ein Begriff und ein fixer Arbeitsbestandteil, als in Europa die Diskussion über Partizipation und Nachhaltigkeit erst begann und der Begriff Partizipation nur von wenigen Experten in den Mund genommen wurde.
Dieser Umstand ist insofern nicht verwunderlich, als sich in der Entwicklungszusammenarbeit die Zielsetzung des partizipativen Arbeitens viel unmittelbarer und direkter stellte als bei uns, wo Partizipation oft als Selbstzweck oder als vermeintlicher Ausdruck von „Bürgernähe“ gesehen wurde. In der modernen Entwicklungszusammenarbeit geht es primär um Ermächtigung (Empowerment) der entsprechenden Zielgruppen. Wo diese Ermächtigung, dieses Teilen von Macht und Verantwortung richtig und korrekt passiert, stellt sich Nachhaltigkeit fast automatisch als Folgeprozess ein.
Vorgelebt hat das in den 1970–90er Jahren in Südamerika der Befreiungspädagoge Paulo Freire, der mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ ganz gezielt versuchte, die armen und benachteiligten Bevölkerungsschichten zu ermächtigen, um dadurch eine neue Machtverteilung zwischen Arm und Reich zu erreichen. Sein Modell enthielt gesellschaftspolitisch so viel Sprengstoff, dass in der Folge die darauf aufbauende Befreiungsideologie durch die katholische Kirche von Rom sehr rasch gestoppt wurde und auch gesellschaftspolitische Ansätze (Sandinisten in Nicaragua, Revolution in Grenada, …) von der amerikanischen Regierung militärisch bekämpft und niedergeschlagen wurden.
Ein beeindruckendes Beispiel für diese „Ermächtigung der Basis“ darf ich aus meiner Tätigkeit in Ecuador kurz vorstellen. In der 130.000 Einwohner zählenden Küstenstadt Esmeraldas, die mit extrem hohen Arbeitslosen- und Armutszahlen zu den ärmsten Regionen Ecuadors zählte, begannen wir im Jahr 1998 so genannte „Lideres“ (MultiplikatorInnen) auszubilden, deren Aufgabe es war, in den Slums rund um Esmeraldas die Bevölkerung zu organisieren. Ihre Haupttätigkeit bestand darin, der Bevölkerung dieser Slums, in denen es weder Wasseranschluss, Kanalisation, Müllabfuhr noch geregelten Stromanschluss gab, klarzulegen, dass es keinen Sinn hatte, weiter auf Hilfe von der korrupten Stadtregierung zu warten. Die einzige Chance bestand darin, sich selbst zu organisieren, kleine Produktivprojekte und Armenausspeisungen für Kinder zu organisieren und gemeinsam als Bezirk (barrio) in Kooperation mit den anderen Slum-Bezirken den gesellschaftspolitischen Druck auf die Stadtregierung so zu erhöhen, dass dieser nicht mehr überhörbar wurde.
In der Tat war es ein langer und steiniger Weg über mehrere Jahre, aber als sich die Bevölkerung schließlich ihrer eigenen Macht bewusst wurde und initiativ zu werden begann, musste die Stadtverwaltung von Esmeraldas reagieren. Schritt für Schritt schlossen sich einzelne Bezirksorganisationen in den „barrios“ zusammen, weil sie erlebten, dass sie gemeinsam viel mehr Macht hatten, um ihren Forderungen nach einer öffentlichen Müllabfuhr, Kanalisation, etc. Gehör zu verleihen.
Der Autor Martin Hauszer hat zwei Jahre in einem EZA-Projekt in Nicaragua mitgearbeitet und sechs Jahre lang EZA-Projekte in Ecuador partizipativ geplant und begleitet. Heute arbeitet er in Österreich als Begleiter partizipativer Prozesse mit Gruppen und Teams im Profit- und Nonprofitbereich.

Martin Hauszer, Facilitation
