von Holger Jansen, nexus



Öffentlicher Verkehr ist wichtiger Teil der Daseinsvorsorge und trägt zur nachhaltigen Entwicklung bei. Die Position der Kunden ist allerdings – im Vergleich zu anderen Branchen – relativ schwach. Im öffentlichen Verkehr gibt es Monopolanbieter, das Angebot ist stark reguliert und wird durch die Politik beeinflusst.
Aber der Verkehrsmarkt wandelt sich. „Mehr Wettbewerb“ lautet ein Ziel der Politik. Davon werden vor allem sinkende Kosten und eine bessere Qualität erwartet. Der öffentliche Verkehr wird jedoch auch in Zukunft nicht mit klassischen Wettbewerbsmärkten vergleichbar sein: Nach Ausschreibung und Vergabe der Verkehrsleistung erbringt ein Unternehmen für viele Jahre die Verkehrsleistung. Der Fahrgast hat weiterhin keine direkte Wahlmöglichkeit, außer auf ganz andere Verkehrsmittel – etwa Auto oder Fahrrad – zurückzugreifen.
Beim Erarbeiten von Verkehrskonzepten, Ausschreibungen und Verträgen mit den Unternehmen ist es wichtig, die Erwartungen der Fahrgäste zu kennen. Auch in der Umsetzung und Überwachung der Qualität sollte die Sicht der Reisenden im Mittelpunkt stehen. Allzu oft erfolgen diese Schritte aber, indem ExpertInnen (PlanerInnen, BehördenvertreterInnen u. a.) „für“ die Fahrgäste entscheiden, ohne „mit“ ihnen zu sprechen.
Dabei steht dafür eine breite Vielfalt an Beteiligungsverfahren zur Verfügung. So können etwa Fahrgastbeiräte bei Unternehmen oder Behörden eingerichtet werden. In ihnen vertreten BürgerInnen unterschiedlicher Alters- und sozialer Gruppen und/oder Mitglieder von Interessensverbänden die Sicht der Reisenden. Sie haben beratende Stimme in allen Fragen der Angebotsgestaltung (etwa Fahrpläne, Information, Kundendienst) und können auch nach außen – etwa in Form von BürgerInnensprechstunden oder Pressearbeit – die Position der Kunden vertreten.
Das Berliner nexus Institut hat diese und andere Fragen der Fahrgastinteressen im Projekt „BUSREP“ europäisch vergleichend untersucht und u. a. ein wissenschaftliches Handbuch zu Beteiligung und Verbraucherschutz im öffentlichen Verkehr erstellt. Aufbauend darauf entsteht jetzt eine Doktorarbeit mit dem Thema „Erfolgsfaktoren der Fahrgastbeteiligung im öffentlichen Verkehr“. Die Wahl für eine vertiefende Untersuchung von Beteiligungsmöglichkeiten im öffentlichen Verkehr fiel dabei auf Österreich und die Niederlande.
Ausschlaggebend für die Auswahl der beiden Länder waren die Gegensätze, die sich in früheren Untersuchungen des Autors zeigten. In Österreich trat das Gesetz für den öffentlichen Nah- und Regionalverkehr (ÖPNRV-G) im Jahr 2000 in Kraft. Rechtsansprüche für eine Bürgerbeteiligung sind nicht vorgesehen. Institutionalisierte Beteiligungsmöglichkeiten (z. B. Fahrgastbeiräte) sind relativ selten. Im Rahmen der Doktorarbeit untersucht der Autor das Kundenforum bei den ÖBB, den Fahrgastbeirat bei den Wiener Linien, den Benutzerbeirat in Linz zur Umgestaltung des Hauptbahnhofes (Arbeit 2005 beendet), den Fahrgastbeirat beim Stadtbus der Salzburg AG, das Pendlerforum der Arbeiterkammern Wien/Niederösterreich/Burgenland mit dem Verkehrsverbund Ostregion und den ÖBB sowie den Fahrgastbeirat im Flachgau (Grenzregion Salzburg/Oberösterreich).
Die Themen, die in den Gremien diskutiert wurden, betreffen den gesamten öffentlichen Verkehr. So geht es um Fahrplangestaltung, Sicherung von Anschlüssen, Information der Kunden im Normal- und Störungsfall, Zugänge zu Stationen und Fahrzeugen für Menschen mit Behinderung und Kooperation mit den politisch Verantwortlichen, in Wien beispielsweise mit dem Magistrat oder den Bezirken. Die Idee, die Tram auf dem Ring durchzubinden, wurde ebenfalls intensiv im Fahrgastbeirat der Wiener Linien diskutiert.
In den Niederlanden gibt es auf Grundlage des Gesetzes für den öffentlichen Verkehr „Wet personenvervoer 2000” Rechtsansprüche auf Bürgerbeteiligung. In landesweiten und regionalen Foren diskutieren Verbände in einem moderierten Verfahren über den öffentlichen Verkehr. Insgesamt gibt es ein landesweites und 23 regionale Foren zur Fahrgastbeteiligung. Ministerien, Verkehrsunternehmen sowie verschiedene Verbraucher- und Kundenverbände arbeiten in diesen Foren gemeinsam für einen verbesserten öffentlichen Verkehr.
Aus den verschiedenen Blickwinkeln der Akteure werden in der Doktorarbeit nach und nach die Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche Bürgerbeteiligung im öffentlichen Verkehr herausgearbeitet. So entstehen praxisnahe Empfehlungen, die den beteiligten Akteuren Impulse für die weitere Arbeit geben sollen. Die Fertigstellung der Arbeit ist für 2011 geplant.
Diplom-Sozial-Wissenschaftler Holger Jansen (geb. 1968) ist seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am nexus Institut in Berlin. Er untersuchte in verschiedenen Ländern Europas die Situation der Fahrgastbeteiligung im öffentlichen Verkehr. Der Titel der Dissertation lautet „Erfolgsfaktoren der Fahrgastbeteiligung im öffentlichen Verkehr“.
Kontakt und Rückfragen
Dipl.-Soz.-Wiss. Holger Jansen, nexus, +49 30 31805474,
Dr. Martin Schiefelbusch, nexus, +49 30 31805472,
Webseiten: nexus, BUSREP
Wissenschaftliche Betreuung der Dissertation
Prof. Dr.-Ing. Christine Ahrend, Technische Universität Berlin, Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung, Sekretariat SG 4, Salzufer 17-19, D-10587 Berlin,