>> Dokumentation der re:publika (social media conference in Berlin, April 2009)
>> Forum Umweltbildung / Sustain 2.0 – Teil 1 (Web 2.0 und Demokratie) Veranstaltungsdokumentation mit Präsentationen, Audiobeiträgen und Fotos

von David Röthler
Web 2.0 ist ein im Jahr 2004 geprägter Begriff, der sich auf eine geänderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets bezieht. Im Web 2.0 wandelt sich das bisher vorherrschende Muster der „one-to-many“ Kommunikation in elektronischen Medien zu einer „many-to-many“ interaktiven Kollaboration. Als eines der besten Beispiele für die neue Internet-Kultur im Web 2.0 gilt die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Wikipedia lebt vom weltweiten „bottom-up“ Engagement von Tausenden Menschen. Das übergeordnete Koordinationsteam ist – verglichen mit den zahlreichen WikipedianerInnen – sehr klein. Wikis sind üblicherweise sehr transparente Internet-Plattformen. So sind beispielsweise die Änderungen der jeweiligen Einträge über die „History-Funktion“ nachvollziehbar. Ohne gemeinsames Engagement und die Partizipation von vielen Menschen wäre Wikipedia nicht möglich.
Bertolt Brecht formulierte vor rund 80 Jahren in seiner Radiotheorie seine Hoffnung auf positive gesellschaftliche Veränderungen durch neue technische Entwicklungen im Bereich der Medien: „Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.
Der Hörfunk könnte den Austausch, Gespräche, Debatten und Dispute ermöglichen.“
Das Web 2.0 ermöglicht nun im Gegensatz zum Radio, die Zuhörenden tatsächlich „sprechen zu machen“ und sie miteinander „in Beziehung zu setzen“.
Partizipation an der Medienproduktion ist ein Kernaspekt des Web 2.0. In diesem Zusammenhang spricht man auch von Citizen Journalism. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Partizipation von BürgerInnen an der Medienproduktion bereits politische Partizipation – zumindest in einem weiteren Sinn – ist, da politische Willensbildungsprozesse von Medien in großem Ausmaß mitbestimmt werden.
Dennoch stellt sich die Frage, ob tatsächlich eine neue Bottom-up-Beteiligungskultur oder bloß ein weiterer Techno-Hype einer Web-Avantgarde im Entstehen ist?
Einerseits hilft das Internet, die Distanz zwischen Regierenden und Regierten geringer werden zu lassen. Das Netz sorgt dafür, dass sich mehr BürgerInnen am politischen Prozess beteiligen als zuvor. Andererseits benutzen diejenigen, die sowieso am politischen Prozess beteiligt sind, auch das Internet. Die Partizipation weniger könnte also gefestigt werden, während eine große Mehrheit weiterhin nicht am politischen Prozess aktiv teilnähme. Zumindest hat Web 2.0 das Potenzial, die Faktoren Partizipation, Transparenz und Kooperation zu stärken.
Partizipative und offene Bildungsformate haben durch das Web 2.0 neue Impulse bekommen, da es ein Bedürfnis von vielen Menschen in den Web-Communities ist, die Prinzipien des Web 2.0 auch bei Offline-Veranstaltungen anzuwenden. Zu nennen sind an dieser Stelle BarCamps (1) (partizipative Konferenzen zu Web 2.0) sowie zahlreiche Varianten, die sich durch Thema und Dauer unterscheiden. Wikipedia definiert BarCamps als „user generated conferences — open, participatory workshop-events, whose content is provided by participants.” BarCamps finden seit 2005 in den USA und seit 2006 in Österreich statt. 100 und mehr Interessierte kommen für die Dauer von ein bis drei Tagen an einem Ort zusammen. Ziel ist ein Voneinander lernen in einer offenen Umgebung. Die Planung eines Barcamps erfolgt über ein Wiki, in das sich Teilnehmende eintragen und ggf. eine eigene Präsentation vorschlagen. Vor Ort wird dann das konkrete Programm des Tages abgestimmt, wobei die Räumlichkeiten zumeist parallele Sessions zulassen.
Transparenz wird auch durch Internet-Live-Streams der Präsentationen hergestellt. Diese Video-Streams werden zumeist von Chats begleitet, sodass eine aktive Teilnahme auch aus der Ferne möglich ist. Ebenso werden von den Teilnehmenden Weblog-Einträge zu Lernerfahrungen verfasst oder Twitter-Nachrichten (2) verschickt.
Zu den BarCamp-Regeln zählen:
BarCamps sind erfolgreich, da es ein Bedürfnis der jeweiligen Communities ist, sich nicht nur on- sondern auch offline (face-to-face) auszutauschen. Die Teilnehmenden sind aufgrund der weitgehenden Partizipationsmöglichkeiten und der Selbstorganisation hoch motiviert.
Varianten des BarCamps sind themenspezifische Veranstaltungen wie das PolitCamp, AfrikaCamp, DesignCamp und EduCamp. Als an einem Abend stattfindende offene Vernetzungstreffen von Web 2.0-Interessierten erfreuen sich Web-Montage (3) großer Beliebtheit.
Nach dem Wikiprinzip organisierte Veranstaltungen haben in letzter Zeit weitere Zielgruppen (z.B. Socialbars für den NPO-Sektor) erreicht. Es ist interessant zu sehen, wie die Prinzipien einer Bildung für Nachhaltigkeit auf diesem Weg Verbreitung finden.
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Dieser Text ist ein Auszug eines Textes, der im Reader zur Veranstaltung „Food for Thought“ erscheint, herausgegeben vom Forum Umweltbildung, in Begleitung der Veranstaltungsreihe Sustain 2.0
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(1) Unter barcamp.at findet sich das Wiki der österreichischen BarCamps.
(2) Twitter (www.twitter.com) ist ein Microblogging-System, das den Versand von Kurznachrichten erlaubt.
(3) Wiki des Web-Montags unter www.webmontag.de
www.socialbar.de

David Röthler ist Jurist, Medienexperte und -journalist, und arbeitet als Berater für EU-finanzierte Projekte und in der politischen Bildung. Schwerpunkt sind partizipative Medien – insbesondere das Web 2.0 – und deren Nutzung in der internationalen Projekt – sowie der politischen Arbeit. Er ist langjähriger Referent der Gesellschaft für politische Bildung sowie verschiedener öffentlicher und privater Bildungseinrichtungen. Er ist Mitgründer des Beratungsunternehmens PROJEKTkompetenz.eu.
Persönliches Weblog: politik.netzkompetenz.at
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