Community Organizing ist Organisationsarbeit in Stadtteilen, Städten, Gemeinden oder Regionen. Durch den Aufbau von Beziehungen und einer Kultur der Selbstbestimmung und demokratischer Entscheidungsfindung, werden BürgerInnen darin unterstützt, gemeinsam zu handeln und zur Lösung von Problemen in ihrem Umfeld beizutragen.
„Organisieren ist das aktive Ausgraben der Geschichte eines Menschen, die gemeinsame Untersuchung der Bedeutung dieser Geschichte und die Gelegenheit, für die persönliche und gemeinsame Geschichte einen neuen Schluss zu schreiben.“ (McNeil 2007)
Beim Organisieren (Community Organizing) passieren viele solcher „Ausgrabungen“: in Gesprächen finden haupt- und ehrenamtliche Kräfte heraus, was die Menschen in einem Wohngebiet, einem Stadtteil oder einer Region berührt, was ihre wichtigsten Anliegen (Ärgernisse, Wünsche, Interessen) sind und wofür sie sich einzusetzen bereit sind. Individuell empfundene Probleme werden als öffentliche entdeckt und bearbeitet: Wie sehen die anderen das Problem, gibt es Übereinstimmungen, wie lässt sich gemeinsam handeln, um einer Lösung näher zu kommen?
Geeignet
- Stärkung und Qualifizierung der Mitglieder einer Organisation durch das konkrete Tun und durch Herausforderungen (empowerment und leadership development)
- systematische, kontinuierliche Arbeit mit aktiven BewohnerInnen, thematischen Arbeitsgruppen und Steuerungs- oder Strategiegruppen
- die methodischen Instrumente (Gespräche als sanfte Kunst) sind prinzipiell in jedem Umfeld einsetzbar, da universelle menschliche Anliegen angesprochen werden: der Wunsch nach einem guten Leben für sich und Angehörige, beruflichen Perspektiven, einem lebenswerten Wohnumfeld etc.; eine gewisse Dichte der Besiedlung, d.h. ein „Pool“ an möglichen MitstreiterInnen, scheint jedoch erforderlich.
Ablauf
Community Organizing, in den 1930er Jahren in den USA entwickelt, wird bis heute in vielen Formen praktiziert und weiter entwickelt. Es ist nicht „nur“ Methode, sondern auch gelebte Philosophie und besteht aus vielen Facetten. Es gibt daher keinen „idealtypischen Ablauf“ im engeren Sinne, charakteristisch sind jedoch:
- ein innerer oder äußerer Anstoß, um Gespräche in einem Sozialraum in Gang zu bringen (BewohnerInnen, Kirchgemeinde, Stiftung etc.)
- viele Einzelgespräche zwischen einem oder einer oft hauptamtlichen OrganizerIn, aktiven BürgerInnen und solchen, die es vielleicht werden wollen oder könnten
- Treffen, um gemeinsame Anliegen heraus zu finden und nach Lösungen zu suchen
- das Bearbeiten der Schritte; anvisierte Ziele sollten so konkret wie möglich sein
- das Entwickeln einer eigenen Struktur und Arbeitsweise für das gemeinsame Wirken.
Beim Community Organizing werden bewusst Menschen unterschiedlicher Herkunft und Interessen angesprochen, um eine möglichst große Vielfalt an Sichtweisen einzubinden und eine möglichst breite Basis zu schaffen..
TeilnehmerInnen
interessierte BürgerInnen
Dauer der Durchführung
Bürgerorganisationen sind langfristig und eher themenunabhängig angelegt. Es geht um einen „ongoing flow of new people“, die beständige Suche nach MitstreiterInnen und neuen Kräften - eine zivilgesellschaftliche Daueraufgabe. In diesem Fluss sind einzelne Aktionen zu verstehen, die von einer kurzen Frist (z.B. einstündige öffentliche Anhörungen oder Presseaktionen) bis zu mehrwöchigen oder -monatigen Kampagnen reichen können.
Zu beachten ist:
- der Aufbau einer Bürgerorganisation sollte idealerweise nur in Gang gebracht werden, wenn genügend Ressourcen vorhanden sind, um langfristiges Arbeiten zu gewährleisten
- die Unabhängigkeit von staatlichen Geldern ist wünschenswert und verlangt neue Erfahrungen und ein neues Selbstbewusstsein hinsichtlich des Akquirierens anderer Ressourcen
- es geht darum, Verhandlungsmacht „auf gleicher Augenhöhe“ neben etablierten Entscheidungsstrukturen (z.B. Kommunalpolitik und –verwaltung) aufzubauen
- Macht wird positiv als gestaltende Kraft verstanden, sie erwächst – im Gegensatz zur Macht des Geldes – aus der Macht der Beziehungen und dem gegenseitigen Vertrauen
- der Aufbau von Beziehungen braucht Zeit; es ist eine vernünftige Balance zu finden zwischen einer stabilen (zwischenmenschlichen) Grundlage und dem Bedürfnis der Menschen nach Aktionen und fühlbaren Erfolgen
- Entscheidungsstrukturen innerhalb von Bürgerorganisationen sollten transparent sein und die Mitbestimmung für alle Mitglieder ermöglichen
- Strukturen, die die Lebensqualität beeinträchtigen, lassen sich bedingt und teilweise direkt im Sozialraum angehen. Die Ursachen von Problemen sind aufzuspüren und die richtigen AdressatInnen für Forderungen, auch auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene zu finden. Dies macht ggf. die Vernetzung mit anderen Gruppierungen und auf anderen Ebenen erforderlich; die ursprüngliche Praxis des Organizing ist zunächst auf die lokale Ebene und das dort Machbare gerichtet.
Die Autorin Dr. Ulrike Schumacher, Dresden, ist in Forschungs- und Entwicklungsprojekten zu Zivilgesellschaft, Beteiligung und ländlicher Entwicklung tätig.
Stufe der Beteiligung:
Mitbestimmung
Dauer der Durchführung:
Langfristiger Prozess
Anzahl der Beteiligten:
unbegrenzt
"Der Nutzen des Community Organizing liegt darin, dass Menschen in gemeinsames Nachdenken und Handeln hineinwachsen, sich in neuen Aufgaben spüren, ihrer Kräfte bewusster werden und – im besten Fall – neben Erfolgserlebnissen auch Spaß haben."
Ulrike Schumacher, Dresden
„Eine Bürgerorganisation ist eine tiefgreifende, vorantreibende Kraft. Sie denkt und handelt im Sinne sozialer Chirurgie, nicht kosmetischen Zukleisterns.“
Saul D. Alinsky
Literatur
>> Bobo, K./ Kendall, J./ Max, S. (2001): Organizing for Social Change. Midwest Academy Manual for activists, Seven Locks Press, Santa Ana/ Minneapolis/ Washington D.C.
>> Fehren, O. (2008): Wer organisiert das Gemeinwesen? Zivilgesellschaftliche Perspektiven sozialer Arbeit als intermediärer Instanz, Berlin, edition sigma
>> McNeil, L. (2007): Beziehungsarbeit – eine sanfte Kunst, in: Penta, Leo (Hrsg.) (2007): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt, edition Körber-Stiftung, Hamburg, S. 231-238
>> Schumacher, U. (2008): Community Organizing im ländlichen Raum, Netzwerk Gemeinsinn, 08. Mai 2008,
>> Szakos, K. L./ Szakos, J. (2007): We make change. Community Organizers talk about what they do – and why, Vanderbilt University Press, Nashville.