
Univ.-Ass Dipl.-Ing. Wencke Hertzsch
ist Stadt- und Regionalplanerin und arbeitet am Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung der TU Wien im Fachbereich Soziologie (ISRA) zu den Schwerpunkten Stadterneuerung, Stadtteilmanagement, Partizipation und Kommunikation, soziale Aspekte in der Planung, Gesundheit und Stadt, Mobilität und Milieu.
Kontakt: wencke.hertzsch(at)tuwien.ac.at
Zu den Aufgaben der Raumplanung gehört es, räumliche Entwicklung auf regionaler und kommunaler Ebene vorausschauend zu steuern und zu koordinieren. Damit werden Aussagen über die Zukunft getroffen, "was sein sollte". Die planerischen Herausforderungen in modernen, hochgradig differenzierten Gesellschaften sind jedoch zu komplex, als dass sie allein mit den Instrumenten der hoheitlich-hierarchischen Steuerung "von oben" – Richtlinien, Gesetzen, Verordnungen, staatliche Finanzmittel, Pläne etc. – bewältigt werden können. Denn in Folge der gegenwärtigen Prozesse des gesellschaftlichen Wandels ändern sich nicht nur die Lebensstile, Ziele und Wertvorstellungen sozialer Gruppen, sondern insgesamt nimmt die soziale Ungleichheit wieder zu. Diese Entwicklungen schlagen sich auch in veränderten Mustern der Raumaneignung und -nutzung von (städtischen) Räumen nieder. Diese Prozesse erschweren zudem die Integration unterschiedlicher Lebensformen in eine komplexe Gesellschaft und damit auch die traditionelle „Planung für alle!“.
In den vergangenen Jahren konnten im Rahmen des sogenannten ‚communicative turn' in der Planung sowie der (langsamen) Etablierung eines (eher) kooperativen Planungsverständnisses in Hinblick auf die Stärkung integrationsfördernder Handlungsformen Antworten gefunden werden: Zum einen in einer Verlagerung inhaltlicher Kompetenzen und Verantwortungen von ‚oben‘ nach ‚unten‘ ohne den Verlust politisch-parlamentarischer Legitimierung und Kontrolle. Zum anderen in einer Öffnung von Verfahren politischer Willensbildung und Entscheidungsfindung gesellschaftlicher AkteurInnen. Dieses zukunftsweisende Planungshandeln setzt aber ein Mehr an partizipativen Elementen in Form von Kooperation und Kommunikation zwischen allen beteiligten AkteurInnen, einer breiten Beteiligungskultur der angesprochenen Menschen sowie in der Moderation und Vermittlung unterschiedlicher Interessen, Sicht- und Denkweisen voraus.
Aufgrund meiner eigenen planungspraktischen und planungswissenschaftlichen Erfahrung sehe ich vor allem in Sozialraumanalysen ein geeignetes Instrument, um die nötigen Informationen zu ermitteln, die kooperative Planung möglich machen. Mithilfe eines problemadäquaten methodischen Settings im Rahmen von Sozialraumanalysen können differenzierte Entscheidungsgrundlagen sowohl für das planungspolitische Handeln als auch für die konkrete planerische Umsetzung erarbeitet werden. Mit den Methoden der Sozialraumanalyse werden Erkenntnisse gewonnen, wie soziale Gruppen im Raum verteilt sind, welche Einstellungen sie zum Ort haben, welche Verhaltensweisen und Nutzungsroutinen von BewohnerInnen sich ortsbezogen herausbilden und welche Anforderungen sich dadurch an die gebaute Umwelt stellen. Somit gelingt es zu verstehen, ‚was ist‘. Das Sozialraum-Konzept richtet den Fokus eben nicht nur auf den politisch-administrativen Raum und auf eine rationale Steuerung von Planung, sondern auf den sozialen Lebensraum von Menschen auf Stadtteil-, Wohnumfeld- und Nachbarschaftsebene. Mit anderen Worten können so die komplexen Beziehungen zwischen gelebten Lebensformen im Raum, materiellen Lebensbedingungen vor Ort wie auch etablierte und sich formierende Netzwerke zwischen unterschiedlichen AkteurInnen ermittelt werden. Dies schärft den Blick von PlanerInnen auf Raumerfahrungen und unterschiedliche Raumperspektiven und trägt dazu bei, die Komplexität moderner Gesellschaften genauer zu ermitteln.
Neben der detaillierten Analyse von Sozialräumen können mit dem Sozialraum-Konzept die lebensweltlichen Interessen, Mitwirkungs- und Gestaltungsbereitschaften von BewohnerInnen mit Hilfe vor allem methodisch-qualitativer Analysezugänge erkannt, aktiviert und in den Planungsprozess integriert werden. Meines Erachtens kann und soll der Fokus nicht nur auf die Aktivierung von BewohnerInnen gelegt werden. Der Ansatz von Sozialraumanalysen stellt ebenso die öffentliche Hand sowie weitere relevante AkteurInnen (im Hinblick auf den Problem- bzw. Planungsgegenstand) in den Mittelpunkt des Geschehens und beleuchtet deren Rollen, deren Interessen, deren Verantwortung und das Machtgefüge. Nimmt man das Sozialraum-Konzept im Kontext eines Planungsprozesses ernst, geht es auch darum, Planungshandeln transparenter und zugänglicher zu gestalten, um eine Grundlage für Partizipation zu schaffen und ein kooperatives Miteinander zu garantieren. So können im Sinne einer sozial nachhaltigen Raumentwicklung die soziale und kulturelle Identität von Menschen und soziale Gerechtigkeit gewahrt, demokratische Mitbestimmung und Übernahme von Verantwortung ermöglicht, Partizipationsstrategien etabliert sowie die multidimensionale Vielfalt städtischer Teilräume gestärkt werden.
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