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02/10 ANTON HÜTTER

ExpertInnen im Konflikt
Mari Steindl

Ing. Dr. Anton Hütter, hütter & partner

Anton Hütter hat nach einer technischen Ausbildung Philosophie studiert und sich mit Fragen des Wissensmanagements beschäftigt. Heute arbeitet er als selbständiger Organisationsberater (Schwerpunkt Organisations- und Projektentwicklung, Partizipation und Öffentlichkeitsbeteiligung) und als Mediator bei komplexen Projekten im öffentlichen Bereich. Er ist Mitgesellschafter der „Mediator GmbH“ (Berlin) und Mitherausgeber der im Verlag Österreich erscheinenden Fachzeitschrift „perspektive mediation“.

Kontakt: office(at)anton-huetter.com, Internet: www.anton-huetter.com

Bei Mediationsverfahren im öffentlichen Raum geht es oft um komplexe Fragestellungen und Risikoabschätzungen aus den Bereichen Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Medizin, Ökologie etc. Zur Beantwortung dieser Fragen ist das Mediationsforum auf den Rat von SpezialistInnen, auf ExpertInnen und Sachverständige angewiesen. Besonders bei hoch strittigen Themen tritt nun häufig ein Phänomen auf, das als „Expertendilemma“ bezeichnet wird. Zu einem bestimmten Sachverhalt werden von ausgewiesenen ExpertInnen verschiedene Gutachten eingeholt, die jedoch zu divergierenden, oft auch widersprüchlichen Aussagen kommen. Jede Seite hat „ihre“ Gutachten, jede Interessensgruppe „ihre“ wissenschaftliche Lobby.

Wie gehen wir nun mit dieser Vielfalt der Wahrheiten um, die es doch nach tradiertem Wissenschaftsverständnis gar nicht geben dürfte? Zwei prinzipiell unterschiedliche Arten, auf das ExpertInnendilemma zu reagieren sind feststellbar:

  • Festhalten an der alten ExpertInnenrolle
    Folgendes Idealbild ist hier leitend: ExpertInnen sind unabhängige Personen mit besonderen Kenntnissen in einer Fachdisziplin. Diese Kenntnisse beziehen sich auf gültiges Wissen, das von allen Fachleuten anerkannt und als Basis für Entscheidungen ohne Alternative ist. ExpertInnen stellen zudem solches Wissen ohne Ansehen der Person des Fragestellers und ohne Rücksicht auf andere Interessen zur Verfügung. Kurz, sie bieten – diesem Bild gemäß – ein unparteiisches, verlässliches und hinreichendes Wissen und liefern damit die Grundlage für rasche, zweifelsfreie Entscheidungen. Das ExpertInnendilemma wird als Panne gesehen, verursacht entweder durch ungenaues Arbeiten oder durch sogenannte „schwarze Schafe“ der community of science, die eigene oder fremde Interessen über die strenge Norm des ausschließlichen Ringens um Objektivität und Wahrheit stellen.
  • Neufassung der ExpertInnenrolle
    Die Tatsache, dass es oftmals keine einheitliche Expertise gibt und dass das Verhältnis zwischen wissenschaftlich-technischer Begutachtung einerseits und Entscheidungsfindung andererseits immer komplizierter wird, wird als Chance für Neues betrachtet und nicht nur als Gefahr für den Entscheidungsprozess. Ausgehend von einer systemisch-konstruktivistischen Haltung und einer Anerkennung der Widersprüche und der Ambivalenzen wird der Experte / die Expertin als DiskussionspartnerIn auf „gleicher Augenhöhe“ in den Prozess eingebunden. Hintergrund dabei ist das Ernstnehmen der Erkenntnisse der Wissenschaftsphilosophie der letzten 50 Jahre, die gezeigt haben, dass jene fundierte Einheit und Geschlossenheit, die besonders im 19. Jh. für das Kennzeichen wissenschaftlichen Wissens gehalten wurde, nicht wirklich gegeben ist und auch nicht sinnvoll angestrebt werden kann. Ein und derselbe Sachverhalt kann wechselweise unter verschiedenen Gesichtspunkten mit gleichem Rang betrachtet werden. Pluralität gilt nicht nur für Lebensformen und kulturelle Orientierungen, sondern auch für Wissensweisen. Daher richtet sich das Augenmerk auf das Etablieren von Strukturen des Wissensmanagements, wobei der Experte / die Expertin als HelferIn bei der Vernetzung der Teilsysteme (Betroffene, Wirtschaft, Recht, Politik etc.) fungiert. Natürlich ist diese Pluralität und Unabschließbarkeit des Wissens für jedes technische und auf Bemächtigung zielende Denken ein permanentes Ärgernis, trotzdem gilt hier: Es gibt keinen Zugriff aufs Ganze, alle Erkenntnis ist limitativ.

Es ist leicht einzusehen, dass sich die zweite Sichtweise der ExpertInnentätigkeit mit den Grundannahmen der Mediation weit besser verträgt als das alte szientistische Verständnis. Ein Informationsaustausch im vollen Wortsinne setzt voraus, dass die austauschenden Systeme (Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, BürgerInneninitiativen etc.) identische Relevanzkriterien haben. Das ist aber nicht der Fall, da die ExponentInnen der austauschenden Systeme ihre je eigene Geschichte, Identität, kognitiven Strukturen, Motive, Ziele, Fragen etc. haben. Was dem, auf den ersten Blick sich als einfache Informationsübertragung darstellenden Prozess zugrunde liegt, hat eine andere Struktur: ExpertInnen präsentieren ihre Informationen. Für EmpfängerInnen sind diese Signale zuerst einmal nichts anderes als Daten. Sie können nun diese Daten am Maßstab ihrer eigenen spezifischen Relevanzen bewerten und daraus für sich eine Information konstruieren. Klar ist, dass das aber eine andere Information ist, wie die von ExpertInnen abgegebene, sonst wären beide Systeme ja identisch.

Was bedeutet das nun für die Einbringung von ExpertInnenwissen in ein Mediationsverfahren? Der Schlüssel liegt in der Praxis des kollektiven Bearbeitens von Problemstellungen. Hier zeigt sich auch die wahre Stärke der Mediation. Bei erfolgreichen Verfahren führt die gemeinsame Arbeit im Mediationsforum dazu, dass kollektives Lernen dahingehend stattfindet, dass ein gemeinsamer Erfahrungskontext, eine „community of practice“ entwickelt wird, die dafür sorgt, dass sich die Kriterien der Bewertung von Daten – also die Prozeduren der Konstruktion von Informationen – in einer gemeinsamen Praxis annähern. Das heißt nicht, dass ExpertInnen ihre präsentierende und beratende Rolle verlassen. Es wird nur die strikte Trennung zwischen vorgelagerter Informations- und Wissensvermittlung durch die ExpertInnen einerseits und dann davon zeitlich getrennt der Entscheidungsprozess andererseits aufgehoben. Das kooperative Vorgehen entspricht mehr dem Spiralmodell des gemeinsamen Lernens: Entwickeln einer Fragestellung – Einholen von ExpertInnenwissen – Präzisierung der Fragestellung – neuerliches Einholen von Expertisen – usw. In diesem Prozess nähern sich die Relevanzkriterien der beteiligten Personen an und dadurch wird überhaupt erst Informations- und Wissensvermittlung möglich.

ExpertInnen in Mediationsverfahren müssen über soziale Kompetenzen verfügen und sich im Klaren sein, über die kontextsensitive Verwendung von Wissen. Entgegen traditionellen Vorstellungen reicht Fachwissen alleine nicht aus, sondern es braucht auch die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge für den geschulten Laien durchschaubar und für ihn verwendbar zu machen. Das Mediationsverfahren schafft durch das Setting und durch die angemessene Steuerung durch den Mediator oder die Mediatorin die geeigneten Voraussetzungen dafür, dass ExpertInnenwissen in dem oben beschriebenen Sinn nutzbar gemacht werden kann.

Weiterführende Information: Experten im Konflikt (Beitrag in perspektive medation, 2006. PDF-Download von www.anton-huetter.com)

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