
Mag. Michael Lederer, Bakk. B.A.
ist Leiter des Geschäftsfeldes "Bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung" im Büro für Zukunftsfragen im Amt der Vorarlberger Landesregierung mit den Schwerpunkten Partizipation, insbesondere BürgerInnen-Räte sowie Beratung und Begleitung von Beteilgungsprozessen.
Kontakt: michael.lederer(at)vorarlberg.at
Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die sich den Problemen und Herausforderungen unserer Zeit annehmen, diese benennen und für den Lösungsprozess Verantwortung übernehmen. Anders formuliert: Engagierte Menschen, die vertrauensvoll kooperieren und langfristig denken und handeln, machen einen Ort und eine Region erst lebendig und lebenswert. Partizipation bietet in diesem Sinne die Möglichkeit, Menschen zu aktivieren und für ein Thema zu begeistern – für mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation. Die Herausforderung aber liegt in der Gestaltung qualitätsvoller Beteiligungsprozesse.
Einen Beteiligungsprozess zu organisieren ist nicht ganz einfach und es braucht in jedem Fall Zeit und Geld. Verantwortungsvolle, nachhaltige Entscheidungen, die auf Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung stoßen, sind aber das erklärte Ziel, wenn es um Beteiligungsprozesse geht. Dass gut organisierte Beteiligungsprozesse dies leisten können, wird durch zahlreiche Beispiele mehrfach bestätigt. Dass Beteiligung immer auch einen Lernprozess für alle Beteiligten bedeutet, ist unumstritten. Entscheidend sind also die Rückschlüsse und Lernlektionen, die alle Beteiligten aus dem Prozess ziehen. Im Kern heißt das: Partizipation ist ein Ort des Lernens und ein Ort der Produktion von Wissen unterschiedlicher Art: Sachwissen, Handlungswissen und Orientierungswissen. Durch Partizipation wird „sozial robustes Wissen“ erzeugt, dieses erweist sich als tragfähig und bietet somit die Grundlage für weiteres Handeln im Sinne des Leitbilds Nachhaltiger Entwicklung. Partizipation bietet die Chance, gesellschaftliche Entwicklungsprozesse neu zu gestalten und im Sinne nachhaltiger Lernprozesse (Bewusstseinsbildungsprozesse) umzusetzen. Bürgerbeteiligungsverfahren sind hierfür ein wesentliches Instrument, der Blick auf den Prozess bzw. aufs Ganze die notwendige Voraussetzung.
Rollentausch? Oder: Lernen, für eine neue Kultur des Miteinander
Lernen bedeutet aber auch immer sich auf etwas Neues einzulassen, nicht zu wissen was „am Ende“ raus kommt. In diesem Zusammenhang haben unterschiedliche Rollen und die damit verbundenen Erwartungshaltungen eine wichtige Funktion. Jahrzehntelang war in der Politik der Macher-Typ, also ein Manager und Entscheider, gefragt. Mit diesem Rollenbild ist es aber nur schwer vereinbar, sich auf einen offenen Lernprozess, wie es viele Beteiligungsprozesse nun einmal sind, einzulassen. Wäre es manchmal nicht hilfreicher etwas zu moderieren und zu ermöglichen, anstatt zu entscheiden?
Aber auch die Bürgerinnen und Bürger sehen sich neuen Rollen- und Verhaltensmustern gegenüber. Die Praxis der BürgerInnen-Räte – ein Verfahren, welches wir hier in Vorarlberg derzeit sehr stark anwenden und lernen – zeigt, dass sie es nicht gewohnt sind, so intensiv in Entwicklungsprozesse eingebunden zu werden. Sie sind erstaunt und überrascht, gleichzeitig aber auch erfreut darüber, gefragt zu werden. Dieser Umstand allein ist Ausdruck von Anerkennung und Wertschätzung.
Für diese neuen Rollen einen geschützten Rahmen zu bieten, der einen Perspektivenwechsel ermöglicht und somit ein Denken in größeren Zusammenhängen unterstützt, darin liegt die Herausforderung bei qualitätsvollen Beteiligungsprozessen. Denn nur so gelingt es dem Hin- und Herschieben von Verantwortlichkeiten, populistischer Argumentation und der Instrumentalisierung des Prozesses durch Einzelne entgegenzuwirken. Ziel ist eine qualitätsvolle Kommunikation auf Augenhöhe und eine Verantwortungsgemeinschaft von Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgern.
Michael Lederer, Büro für Zukunftsfragen, im August 2010
Weitere Informationen zum Büro für Zukunftsfragen, zum neu erschienenen Handbuch Bürgerbeteiligung oder dem Forschungsprojekt BürgerInnen-Rat finden Sie unter:
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Die auf der Webseite www.partizipation.at veröffentlichten "Standpunkte" geben die Auffassungen der AutorInnen wieder und müssen nicht jenen des Lebensministeriums entsprechen.
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