
Mag.a Mari Steindl, Interkulturelles Zentrum
Mari Steindl, Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums, ist seit mehr als 15 Jahren in den Bereichen Interkulturelle Kompetenzen, Diversitätsmanagement, Migration und Integration tätig. Die ausgebildete Sozialanthropologin besitzt langjährige Erfahrung in der nationalen und internationalen Jugendarbeit.
Kontakt: mari.steindl(at)iz.or.at , www.iz.or.at
Wenn wir heute von Interkultureller Bildung und Integration sprechen, dann ist eine zentrale Frage die nach der Partizipation. Integration im Sinne von Zusammenfügen eines Ganzen, kann es nur geben, wenn die Menschen, die in Österreich leben, die Möglichkeit zur Partizipation haben, unabhängig von der Ethnizität, der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, unabhängig von Alter und Geschlecht. Interkulturelle Bildung trägt zur Bewusstseinsbildung und somit auch zu mehr Partizipation in der Gesellschaft bei.
Diese pluralistische Gesellschaft ist geprägt von Globalisierung einerseits und Lokalisierung anderseits. Einheit in der Vielfalt – so der Slogan der Europäischen Union, der diesen Prozess auf den Punkt bringt. Wir erleben in den Ländern ein Aufleben der regionalen „Kulturen“, welches als konstituierender Bestandteil der europäischen Vereinigung verstanden wird. Weiters ist unsere Gesellschaft geprägt von einem Diskurs um Migration und damit verbunden um die Integration dieser zugewanderten Menschen. Dies sind auch Rahmenbedingungen, die in der interkulturellen Bildungsarbeit in der einen oder anderen Form zur Diskussion stehen.
Eine weitere Facette dieses Diskurses stellt die extreme Kulturalisierung unserer Gesellschaft dar. Auch die Omnipräsenz von interkulturellen Bildungsangeboten und Trainings trägt zu dieser Kulturalisierung bei, daher ist es unumgänglich, die Frage nach der Definition von Kultur und das jeweils damit verbundene Konzept in der interkulturellen Bildung zu thematisieren.
Migrations- und Integrationspolitik ist in Österreich ein Feld der parteipolitischen Profilierung und somit immer auf der Tagesordnung. Die Integrationspolitik basiert im Wesentlichen auf der Annahme, dass es ein „wir“ und ein „sie“ gibt, das hauptsächlich auf ethnische Kategorien begründet wird. Andere Dimensionen von Vielfalt, wie etwa Generation, politische Überzeugung, Geschlecht etc. werden dabei in den Hintergrund gedrängt.
In der Integrationsdebatte und teilweise auch in der interkulturellen Bildung gibt es einen starken Fokus auf das Erlernen der deutschen Sprache. Es steht außer Frage, dass die Kenntnis der deutschen Sprache für ein aktives gesellschaftliches Leben in Österreich unumgänglich ist. Was in dieser Debatte fehlt, ist allerdings die Wertschätzung wie auch die Bildung in der jeweiligen Muttersprache, die jeweils die Basis für das Erlernen einer weiteren Sprache darstellt.
Interkulturelle Bildung basiert darauf, dass Kultur und kulturelle Prägungen ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Menschen darstellen. Aus diesem Grund ist es unumgänglich, sich in der interkulturellen Bildung auch mit dem Konzept von Kultur auseinanderzusetzen. Der Anthropologe Parekh Bhikhu benennt Irrtümer, die im Zusammenhang mit Kulturkonzepten immer wieder verbreitet werden. Unter anderen kritisiert er den holistischen Ansatz von Kultur, wie auch das Thema der Unterscheidbarkeit von Kulturen. Ebenso kritisch sieht Parekh die Ethnisierung von Kulturen und den vorherrschenden Kulturdeterminismus, der auch in der alltäglichen Praxis immer wieder zu finden ist. Angesichts dieser Ausführungen stellt sich für manche sicher die Frage, ob es überhaupt noch Sinn macht, den Begriff Kultur zu verwenden. Tatsache ist jedoch, dass man in den unterschiedlichsten Diskussionen stets mit dem Begriff „Kultur“ konfrontiert wird. Angesichts dessen betrachten wir es als Chance, den Begriff Kultur selbst zum Thema zu machen, Selbstverständlichkeiten im Zusammenhang mit Kultur in Frage zu stellen und gemeinsam mit kulturellen Faktoren auch wieder soziale, politische und wirtschaftliche Faktoren zu thematisieren.
Oft entspricht eine Thematisierung und Infragestellung von „Kultur“ auf den ersten Blick nicht den Erwartungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in diversen Workshops zu Interkulturellem Lernen, Interkultureller Kommunikation, Interkultureller Bildung etc. Viel lieber hätten manchen sogenannte „Do’s and Don’ts“-Listen mit denen sie gut gewappnet in das Feld des interkulturellen Dialogs schreiten können.
Die Thematisierung von Kultur und die Infragestellung der eigenen kulturellen Standards sind ein wichtiger Schritt um Stereotype und Vorurteile – „kulturelle“ wie auch allgemeine – zu hinterfragen.
Eine große Herausforderung in der interkulturellen Bildung ist der Umgang mit Unsicherheiten. Dies zu lernen und dafür persönliche und kollektive Strategien zu entwickeln, ist ein wichtiges Ziel interkultureller Bildung. Erst ein entspannter Umgang mit Neuem und Fremdem lässt die Chance auf Begegnung und neue Erfahrungen zu. Sich auf eine neue Perspektive einzulassen, die nicht nur einfach als andere Perspektive neben der eigenen steht, sondern die auch die eigene Perspektive verändert, erfordert Mut und Offenheit. Interkulturelle Bildung soll dazu beitragen, dass sich Menschen auf diesen Perspektivenwechsel einlassen.
Das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichem ethnischem Background, mit unterschiedlichen Weltbildern ist immer geprägt von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Machtfragen, wie nach dem rechtlichen Status oder der gesellschaftlichen Akzeptanz einer Sprache etc. Interkulturelle Bildung muss dazu beitragen, dass diese Themen angesprochen werden.
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