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Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

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03/11 GERHARD WEISS

Transdisziplinäre Forschung für Nachhaltigkeit

Gerhard Weiss 

G. Weiss arbeitet im Zentral-Osteuropäischen Regionalbüro des Europäischen Forstinstitutes (EFICEEC) an der Universität für Bodenkultur Wien. Er beschäftigt sich mit Nachhaltigkeitspolitik und Innovation und insbesonders mit inter- und transdisziplinären Forschungsmethoden. Im Projekt PARLAVIS, das im Rahmen des Forschungsprogrammes proVision des BMWF durchgeführt wurde, war er für das inter- und transdisziplinäre Kooperationsmanagement verantwortlich.

Kontakt: gerhard.weiss(at)boku.ac.at, http://www.eficeec.efi.int/portal/

Nachhaltigkeitsforschung verspricht, anwendungsnahe zu sein, um zur Lösung praktischer Probleme der nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft beizu-tragen. Um die Praxisrelevanz sicherzustellen, sind Vertreter und Vertreterinnen aus der Praxis, die mit den zu behandelnden Problemen vertraut sind, möglichst in den ganzen Forschungsprozess einzubinden (partizipative bzw. transdisziplinäre Forschung). Nachhaltigkeitsforschung – so das Ideal – arbeitet nicht für einen bestimmten Auftraggeber oder eine bestimmte Auftraggeberin, sondern soll der ganzen Gesellschaft nützen. Aus diesem Grund sollten möglichst verschiedene gesellschaftliche Gruppen vertreten sein.

Herausforderungen für eine transdisziplinäre Forschung

Die Umsetzung der Inter- und Transdisziplinarität ist eine Herausforderung, da das Wissenschaftssystem diese Ziele nicht unterstützt. Das wissenschaftliche Anreizsystem ist streng disziplinär ausgerichtet und belohnt transdisziplinäre Ko-operation oder Anwendungsnähe in keiner Weise. Das gilt für die Publikationen, die Karriere wie für die Erfolgsbewertung universitärer Forschungseinrichtungen. Um inter- und transdisziplinäre Arbeit erfolgreich zu machen, ist der institutionelle Rahmen dieser Arbeit von höchster Bedeutung. Es geht um die Fragen, wie die Projektteams zusammengesetzt sind, wie Entscheidungs- und Managementstruk-turen aussehen oder wie die Projekte finanziert sind: Wer definiert die Fragestellungen und Methoden? Sind dabei verschiedene Disziplinen und Praxisvertrete-rInnen beteiligt? Wie werden die Arbeitsschritte und Ergebnisse evaluiert – intern oder extern? Sind die ForscherInnen von externen Financiers abhängig?

Europäische und nationale Forschungsprogramme schreiben zunehmend inter- und transdisziplinäre Prinzipien vor. Dies wird in den Forschungsanträgen auch vorgesehen, doch vielfach nur alibimäßig umgesetzt: Statt interdisziplinärer Kooperation arbeiten die fachlichen Teams nebeneinander, wodurch die interdisziplinäre Integration der Ergebnisse kaum stattfinden kann; PraxisvertreterInnen scheinen offiziell auf, sind aber selten in die Projektkonzeption und -durchführung eingebunden. Forschungsprogramme haben die Möglichkeit, die Zusammenset-zung der Partner über Evaluationskriterien in der Genehmigungsphase zu steuern. Die effektive Umsetzung ist schwieriger zu kontrollieren. Ein mögliches Evaluationskriterium ist, ob die inter- und transdiszplinäre Kooperation im Projektdesign ausreichend institutionalisiert ist, was über folgende Indikatoren geprüft werden kann:

  • Ressourcen: Sind ausreichende Ressourcen (Know-how und finanzielle Mittel) für die transdisziplinäre Kommunikation vorgesehen? 
  • Projektorganisation: Ist das transdisziplinäre Kooperationsmanagement im Projekt stark verankert (bei der Projektleitung und/oder in einem eigenen Arbeitspaket)? 
  • Professionelles Management: Bringen die PartnerInnen Wissen und Erfahrung (Ausbildung, Kursen, Projekterfahrung) mit, zumindest die Leitung?

Repräsentanz der Interessen

Nachhaltigkeitsforschung kann sich aber nicht auf die bloße Einbindung irgendwelcher PraxispartnerInnen beschränken, sondern muss ein besonderes Augen-merk darauf legen, welche Gruppen eingebunden werden und welche Interessen dadurch vertreten sind. Unterschiedliche Interessen müssen ausgewogen einge-bunden sein, z. B. über die gleichgewichtige Einbindung von Wirtschafts- und UmweltvertreterInnen, Pro- und Kontra-Stimmen etc. Dabei sollte insbesondere auf benachteiligte Gruppen geachtet werden, um die gesellschaftliche Benachteiligung von Gruppen im Projekt nicht zu wiederholen.

Die oft bestehende Vorgabe in Nachhaltigkeitsprogrammen, dass PraxispartnerInnen sich an den Projektkosten finanziell beteiligen sollen, ist problematisch. Dadurch werden Machtungleichgewichte in der Gesellschaft zwangsläufig ins Projekt mitgenommen, denn eine Mitfinanzierung können sich tendenziell nur gut organisierte Gruppen mit entsprechender Mittelausstattung leisten. Nachhaltigkeitsprobleme entstehen vielfach dadurch, dass etablierte Gruppen ihre Interessen zum Nachteil bzw. ohne Berücksichtigung von weniger gut organisierten Interessen, wie etwa die des Umweltschutzes, verfolgen und durchsetzen können. Nachhaltigkeitsprobleme sind typischerweise dadurch gekennzeichnet, dass negative Wirkungen oft diffus sind und nicht direkt spürbar sind, oder erst in der Zu-kunft zum Tragen kommen. VertreterInnen für diese diffusen oder zukünftigen Nachteile zu finden, ist sehr schwierig. Noch schwieriger ist es, dass sich solche Gruppen finanziell am Projekt beteiligen. Im Gegenteil, diese Gruppen sind oft auf eine Unterstützung angewiesen, um sich in politische oder soziale Prozesse ein-zubringen.

Die Forderung nach einer Praxisbeteiligung in der Forschung für nachhaltige Entwicklung geht mit der Erwartung einher, dadurch die relevanten Themen auf-zuspüren und Bewertungen direkt aus der Gesellschaft in die Projekte einzubrin-gen. Diese Annahme muss nicht ohne weiteres zutreffen – Untersuchungen kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die breite Bevölkerung ist sich häufig der größten Probleme wenig bewusst (vgl. Klimawandel), weiß oft nicht über komplexe ökologische oder soziale Zusammenhänge Bescheid oder denkt nicht unbedingt gemeinwohl- oder zukunftsorientiert. Im Projektdesign ist daher neben der Frage, welche Gruppen im Projekt eingebunden werden sollen, auch die Art der Einbindung und die Definition der Rolle und Aufgaben für die PraxispartnerInnen sehr genau zu überlegen.

Die Analyse eines konkreten transdisziplinären Projektes (PARLAVIS, umgesetzt im Rahmen des Forschungsprogramms proVision1)  zeigte, dass gut formulierte und implementierte Programmvorgaben – die Beteiligung von PraxispartnerInnen betreffend – partizipative Forschung auch tatsächlich beeinflussen können. Es zeigte sich aber zugleich, dass diese Beteiligung ein sehr komplexer Prozess ist, der nicht einfach vorherzubestimmen ist; die Ressourcen und Interessen der Be-teiligten haben Einfluss auf das Ergebnis, aber auch die Frage, welche Gruppe das Projekt mitfinanziert oder nicht.

Gerhard Weiss, EFICEEC, im März 2011

  

1Weiss G., R. Steiner, O. Eckmüllner (forthcoming): Assessing institutional frameworks of inter- and transdisciplinary research. Forthcoming in: International Journal of Sustainability in Higher Education. (accepted)

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