Inhaltsbereich überspringen und zur Navigation springen Logo
Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

home kontakt impressum datenschutz sitemap english version

 
drucken Seite druckenSchriftgröße     

08/09 ANTONIA COFFEY

Wann werden Menschen gesellschaftspolitisch aktiv?

DI Antonia Coffey

hat in Wien Architektur studiert und ein Post Graduate in Stadt- und Regionalplanung in London absolviert. Von 1978 bis 2007 war sie in der Kommunalpoltischen Abteilung der Arbeiterkammer Wien beschäftigt mit den Arbeitsschwerpunkten Stadtplanung, Stadtentwicklung, Stadterneuerung, Verkehrspolitik, Bürgerbeteiligung und Entscheidungsfindung sowie Strategien gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Seit Februar 2007 ist sie freiberuflich in einem Einpersonenunternehmen „Kommunale Netze“ tätig. Die Themen sind die gleichen geblieben.

Kontakt: kommunalenetze(at)coffey.at

Eines der Grundprinzipien der Demokratie ist die aktive Beteiligung von Menschen an gesellschaftspolitischen Prozessen und das nicht nur durch Delegieren der Entscheidungs- und Gestaltungsmacht an gewählte VetreterInnen.
Wenn im öffentlichen Diskurs immer wieder von der sogenannten „Politikverdrossenheit“ die Rede ist, stellt sich die Frage, was Menschen dazu bewegt, sich an gesellschaftspolitischen Veränderungsprozessen zu beteiligen bzw. diese selbst zu initiieren, und was sie daran hindert.

Warum und wann werden Menschen aktiv?

Im Allgemeinen werden Menschen aktiv, wenn sie eine Vorstellung davon haben, wie sie leben wollen, wie die Gesellschaft aussehen soll und wenn sie diese Vorstellungen mit anderen teilen. Dabei ist es wichtig, dass sie das Gefühl haben, über Kompetenzen zu verfügen, die für die Verfolgung ihrer Ideen hilfreich sein könnten. Voraussetzung ist Wertschätzung durch die Gruppe; die Identifikation mit dieser und die Aussicht auf gemeinsame Erfolge tragen wesentlich zur Motivation bei.
Ob, warum und in welcher Form Aktivitäten stattfinden, hängt wesentlich von der sozialen Stellung und der jeweiligen Lebenssituation ab.
Konkrete Auslöser sind häufig emotionale Gründe, wie Angst vor Veränderungen, Ärger, Wut über bestehende Zustände, über Verhalten von PolitikerInnen, über Ungerechtigkeiten, über andere Menschen sowie das Bedürfnis nach Kontakten, Freude am gemeinsamen Gestalten etc.
Auf das räumliche Umfeld bezogen können bestehende Mängel oder in den Augen der Betroffenen besonders schützenswerte, aber möglicherweise in ihrem Bestand bedrohte Einrichtungen zu gemeinsamen Aktivitäten führen, ebenso wie laufende Planungsprozesse – von den EntscheidungsträgerInnen entweder beabsichtigt und gefördert oder im Widerstand gegen sie.
Die Eröffnung von Räumen und Möglichkeiten löst häufig das Aktiv-Werden von Menschen aus. Die Kreativität einzelner Personen kann dabei „ansteckend“ sein und andere Personen ebenfalls zum Handeln bewegen, wie zum Beispiel die Aneignung ungenutzter Flächen und Gebäude durch StadtteilbewohnerInnen für soziale und künstlerische Aktivitäten im Stadtteil.

Was hindert Menschen daran, aktiv zu werden?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung durch die Gemeinschaft hat.
Daher stellt die Erfahrung von Ausgrenzung – das Gefühl, nicht (mehr) dazu zu gehören – ein massives Hindernis für Partizipation dar. In einer Gesellschaft, die ihre Werthaltungen fast ausschließlich auf einer geregelten Erwerbsarbeit aufbaut, führt beispielsweise Langzeitarbeitslosigkeit zusätzlich zu den damit verbundenen Existenzängsten häufig zum Rückzug aus der Gemeinschaft. Dasselbe gilt für Personen, die sich nicht akzeptiert fühlen, weil sie nicht einer allgemein gültigen Norm entsprechen, zum Beispiel weil sie anders aussehen, sich anders kleiden, eine andere Sprache sprechen, alt oder behindert sind.
Damit in Zusammenhang stehen oft mangelndes Selbstvertrauen, Unterlegenheitsgefühle, Unkenntnis der eigenen Potentiale etc. 

Was brauchen Menschen, um aktiv zu werden?

Auch das hängt von der sozialen Stellung, vom Bildungsniveau und von der Einbindung in stabile soziale Netzwerke ab. Manche Menschen werden aktiv, weil es ihnen ein Bedürfnis ist und nützen hierfür jede sich bietende Möglichkeit auch gegen Widerstände – letztere haben manchmal sogar stimulierende Wirkung. Sie brauchen lediglich andere Personen, mit denen sie ein gemeinsames Interesse teilen. Um diese Personen zu finden bedarf es aber der Einbindung in soziale Netzwerke oder der Fähigkeit, Kontakte zu entsprechenden Netzwerken herzustellen.
Wertschätzung ist nicht nur ein Ziel bei der Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen, sondern auch eine Voraussetzung dafür, genau so wie gegenseitiges Vertrauen und Begegnung auf Augenhöhe.
Wenn von PolitikerInnen, PlanerInnen, GemeinwesenarbeiterInnen etc. eine Beteiligung auch von sozial benachteiligten Personen gewünscht wird, ist das Eingehen auf deren spezifische persönliche Bedürfnisse wichtig. Vorhandene Ängste müssen ernst genommen werden, und vor allem ist die Form der Kommunikation entscheidend. Dabei geht es oft nicht nur um Verständigungsschwierigkeiten auf Grund der Sprache, sondern auch um die Gestaltung der Begegnungen, die große Sensibilität erfordert.
Bei der  Annäherung auf der nonverbalen Ebene kann Kunst einen wesentlichen Beitrag als Türöffner leisten, um gemeinsame Aktivitäten von BewohnerInnen eines Stadtteils zu starten, mit dem Ziel eines besseren, auf gegenseitiger Wertschätzung basierenden Zusammenlebens. Für solche Begegnungen braucht es Räume, personelle wie auch finanzielle Ressourcen und vor allem Zeit und Geduld.

Schlussfolgerung

Neben allen anderen Gründen, die für mehr Partizipation von BürgerInnen sprechen, ist es angesichts der momentanen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen besonders wichtig, dass Menschen dabei unterstützt werden, sich aktiv für die Gestaltung ihres Lebens und ihres Lebensumfeldes einzusetzen und zur Weiterentwicklung der Gesellschaft und der Demokratie beizutragen.
Passivität, Mutlosigkeit, Ohnmacht-Gefühle können sonst den gesellschaftlichen Zusammenhalt ernsthaft gefährden, wie das folgende Beispiel aus Deutschland zeigen soll:
Im ländlichen Raum in Brandenburg gibt es für Jugendliche kaum Angebote, weder Arbeitsplätze noch Freizeitangebote. Es wird ihnen von der Gesellschaft vermittelt, dass sie nicht gebraucht werden, dass sie überflüssig sind. Organisierte rechtsextreme Gruppierungen machen sich diese Situation zu Nutze, indem sie ihnen „Abholangebote“ machen: Sie laden sie zu Konzerten ein, geben ihnen das Gefühl, in eine Gemeinschaft aufgenommen und wert geschätzt zu werden und eröffnen ihnen die Möglichkeit sich zu engagieren. Ähnliche Angebote gibt es auch für Frauen, Ältere, für Unternehmen, für Leute, die sich politisch betätigen wollen.
PolitikerInnen sehen in Partizipation oft eine Konkurrenz für die repräsentative Demokratie. Aber wenn es nicht gelingt, konkret auf die Anliegen der BürgerInnen einzugehen, ihnen auch die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe an der Gesellschaft zu bieten und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen, ist die Gefahr groß, dass das Interesse an der repräsentativen Demokratie und das Vertrauen in die gewählten PolitikerInnen rasant sinken und darin verbirgt sich gefährlicher Sprengstoff!

Sie haben einen Kommentar zu diesem Standpunkt, den Sie gerne veröffentlichen wollen? 
>> Schreiben Sie uns!