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Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

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Ina Richter, IASS, Potsdam und Jan-Hendrik Kamlage, Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Frage: Effektiver Klimaschutz erfordert dauerhafte Verhaltens- und Lebensstiländerungen von uns allen. Wie können durch Beteiligung(-sprozesse) in der Bevölkerung klimarelevante Verhaltensänderungen angestoßen werden?

Der Klimawandel bedroht die Zukunft unserer Welt, wie wir sie kennen. Der fossile Wachstumspfad mit seinem enormen Energie- und Ressourcenverbrauch gefährdet massiv unsere Lebensgrundlagen und Entwicklungschancen zukünftiger Generationen. Nach Schätzungen des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für Globalen Umweltwandel (WBGU) stehen wir vor der Herkulesaufgabe bis zum Jahr 2070 den weltweiten CO2 Ausstoß auf null zu reduzieren.  Ein radikaler Wandel unserer Konsum,- Mobilitäts-, Wohn-, Ernährungs- und Reisemuster ist dafür erforderlich. Eines ist damit klar: Wir benötigten dringend eine nachhaltige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Ohne die Mitwirkung möglichst vieler Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Vereine und gesellschaftlicher Gruppen und ohne einen Wandel der Lebens- und Konsumweisen, wird die Transformation nicht gelingen.

Welche Rolle kann nun dialogorientierte Bürgerbeteiligung einnehmen, um die fundamentalen Veränderungen unserer Lebens- und Verhaltenswiesen zu erreichen?

Grundsätzlich gesprochen: Dialogorientierte Beteiligungsprozesse schaffen öffentliche Räume der Begegnung und des Dialogs. Der moderierte Austausch baut im besten Fall gegenseitiges Vertrauen auf, erhöht das Verständnis für die Situation und die Argumente des Anderen, bringt unterschiedlichste Wissens- und Erfahrungshintergründe zusammen und erzeugt Lernprozesse sowie am Gemeinwohl orientierte Entscheidungen.

Aus der Umweltbewusstseinsforschung wissen wir, dass ein großer Teil der Bevölkerung relativ unabhängig vom sozialen Hintergrund ein hohes Niveau des Umweltbewusstseins aufweist aber nicht entsprechend handelt oder handeln kann. Bürgerbeteiligungsprozesse bieten vielfältige Potenziale sowohl Einstellungen als auch Verhaltensänderungen anzustoßen. Durch gemeinsame Dialoge wird ein Reflektionsprozess des eigenen Handelns und der daraus resultierende Konsequenzen in Gang gesetzt. Gut gemachte Beteiligungsprozesse bieten außerdem die Möglichkeit Menschen für die dringenden Fragen der Klimapolitik zu sensibilisieren und aufzuklären. Sowohl die maßgeblichen Fakten als auch die Dringlichkeit der notwendigen Veränderungen werden gemeinsam erarbeitet und kommuniziert. Wissen ist nach wie vor eine wichtige Voraussetzung für Verhaltensänderungen.

Erfolgreiche Beispiele?

Durch Bürgerbeteiligungsprozesse entstehen handlungsleitende Visionen und Leitbilder der nachhaltigen Entwicklung sei es im Quartier, im Unternehmen, in Städten und Gemeinden oder auf Landes- und Bundesebene. Leitbilder wiederum stellen die Basis für den Wandel von Rahmenbedingungen und Infrastrukturen da, die es den Menschen erleichtert entsprechend zu handeln. Leitbilder machen deutlich, dass wir unsere Verhaltensweisen zum Beispiel mit Blick auf die Erzeugung von CO2 oder die Nutzung fossiler Ressourcen verändern müssen und zeigen Bereiche auf, wo dies möglich ist. Der Ausbau des ÖPNV, eine Priorisierung des Fahrradverkehrs zulasten von städtischen Infrastrukturen, die auf den Gebrauch des Autos ausgelegt sind, braucht starke Fürsprache in der Gesellschaft. Ein von Bürgern erarbeitetes Leitbild ist eine solche zusätzliche Legitimationsressource, um ggf. unbeliebte Entscheidungen zu erleichtern und so Strukturen zu schaffen, die Verhaltensänderungen möglich machen. In Mannheim beteiligten sich Bürgerinnen und Bürger an der Entwicklung einer ehemaligen ca 500 Hektar großen Kasernenfläche. Sie brachten zahlreiche Projektideen ein, u.a. zum intergenerationellen Zusammenleben, für die Schaffung zusammenhängender Grünflächen sowie energieeffizientem Bauen.

Und auch für die Mobilisierung und Aktivierung der Menschen für die Anliegen des Klimaschutzes spielt Beteiligungs- und Mitmachaktionen eine wichtige Rolle. Konkret heißt das autofreie Tage in den Städten und die zeitweise Schließung städtischer Autobahnen wie bei der Fahrradsternfahrt in Berlin, Potsdam oder Bremen.

 

 

Ina Richter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute for Advanced Sustainability Studies. Dort beschäftigt sie sich mit dem Thema Bürgerbeteiligung in Transformationsprozessen wie der Energiewende.

Jan-Hendrik Kamlage ist Postdoc am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen im Bereich Partizipationskultur. Darüber hinaus ist er freiberuflicher Mitarbeiter des European Institute for Public Participation (EIPP) und Praxispartner der internationalen Beteiligungsplattform Participedia.

Die auf der Webseite www.partizipation.at veröffentlichten "Standpunkte" geben die Auffassungen der AutorInnen wieder und müssen nicht jenen des BMLFUW entsprechen.

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