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Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

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01/17 Scherhaufer und Grüneis

Auf der Suche nach der „guten“ Partizipation in Forschungsprojekten
(c) Grueneis

 

Patrick Scherhaufer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Senior Lecturer am Institut für Wald-, Umwelt- und Ressourcenpolitik an der Universität für Bodenkultur in Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der partizipativen Demokratie, der Inter- und Transdisziplinarität und der österreichischen und europäischen Umwelt- und Energiepolitik. Kontakt: patrick.scherhaufer(at)boku.ac.at

 

 

 

Heidelinde Grüneis ist Junior Scientist bei der alpS GmbH – Zentrum für Klimawandelanpassung im Bereich der strategischen Klimawandelanpassung. Sie beschäftigt sich darüber hinaus mit Partizipation, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit sowie Transformationsprozessen. Kontakt:  grueneis(at)alps-gmbh.com

Eine partizipativ ausgerichtete Klimawandelanpassungsforschung soll wissensbasiert und auf einem Dialog aufbauend zu Ergebnissen führen, die die Wahrnehmungen, Sichtweisen und Bedürfnisse der Beteiligten widerspiegeln. Die Praxis zeigt, dass dieser hehre Anspruch aber nur schwer erfüllt werden kann. Trotz der vielfältigen Erfahrungen und Anleitungen zur „guten“ Partizipation in Forschungsprojekten bleibt es schwierig, die TeilnehmerInnen ausreichend zu motivieren. Ein genauer Zeit- und Ressourcenplan sowie die Einhaltung der Vorgaben der Offenheit, Transparenz und Iteration scheinen nicht genug, um Praxiswissen mit wissenschaftlichem Wissen integrativ zu verbinden und zu gesellschaftlich nützlichen und handlungsanleitenden Ergebnissen zu kommen. Im Rahmen eines Beitrags in der Zeitschrift für Umweltpsychologie (1)  haben wir die Normen transdisziplinärer Forschung aufgegriffen und sie mit einem Ausschnitt der Realität derartiger Projekte konfrontiert. Das Anschauungsmaterial auf dem die Analyse basiert, stammt dabei aus zwei angewandten Vulnerabilitäts- und Anpassungsprojekten in Österreich: Capital-Adapt und RIVAS.


Für die Untersuchung der Projekte wurden sieben Kriterien der „guten“ Partizipation aus der wissenschaftlichen Literatur herangezogen:
(1) Problemformulierung und Fokussierung
(2) Zielführende TeilnehmerInnen-Auswahl
(3) Klare Definition und Kommunikation der Beteiligungsziele
(4) Ausreichende Möglichkeiten der Mitgestaltung
(5) Professionelle Planung und Durchführung
(6) Integration von Praxis-, Alltags- und wissenschaftlichen Wissen
(7) Motivation und Engagement

Die Analyse zeigte, dass beide Projekte ihre Stärken in der Durchführungsphase (Prozessorientierung) haben. Die Beteiligungsziele wurden klar und transparent kommuniziert, eine zielführende TeilnehmerInnenauswahl getroffen und die partizipativen Methoden und Prozesse ausreichend gut geplant und durchgeführt. Damit konnte eine durchgängige, regelmäßige und zielgerichtete Partizipation mit einer kleinen Gruppe von AkteurInnen erreicht und sichergestellt werden. Durch die Stakeholder wurden Organisationen und Institutionen angesprochen und integriert (wie z. B. staatliche Behörden, Interessensvertretungen), die ein institutionelles Interesse an der Bearbeitung des Klimawandels haben. In beiden Projekten wurden am Ende Empfehlungen ausgesprochen.

Trotz dieser unterstützenden Rahmenbedingungen und den vielfältigen Bemühungen, den Anleitungen der guten Partizipation gerecht zu werden, zeigen die Projekte vier zentrale Problembereiche transdisziplinärer Forschungsvorhaben auf:

a) Die Problemformulierung bleibt den WissenschafterInnen vorbehalten.
b) Die Herstellung einer ausreichend motivierten Mitarbeit von (mehreren) nicht-wissenschaftlichen AkteurInnen ist schwierig.
c) Die integrative und nicht nur additive Betrachtung von Praxis- und wissenschaftlichem Wissen ist beschränkt.
d) Die nicht-wissenschaftlichen AkteurInnen werden in ihrer Rolle als MultiplikatorInnen mit Projektende alleine gelassen.

Entlang der vier Problembereiche möchten wir im Folgenden einige Lösungsvorschläge aufzeigen, die bei der Durchführung zukünftiger transdisziplinärer Forschungsprojekte zu diskutieren sind.


Der Phase der Problemdefinition schreiben wir eine extrem wichtige Bedeutung zu, da dadurch die Relevanz der behandelten Themen sichergestellt werden kann. Wenn das Problem relevant für die beteiligten AkteurInnen ist, dann kann mit einer höheren Partizipationsbereitschaft gerechnet werden. Daran anschließend stellt sich die Frage, wieviele Mitbestimmungsmöglichkeiten den Nicht-WissenschafterInnen bei der Problemdefinition eingeräumt werden können. Zwischen kompletter Anarchie in der Themenauswahl durch regionale AkteurInnen und totaler Bestimmung durch die Wissenschaft gibt es viel Spielraum. Aus demokratietheoretischer Sicht bieten sich zwei Lösungsmöglichkeiten an. Die erste bestünde darin, institutionalisierte Formen bzw. Verfahren der Partizipation lokalen AkteurInnen anzubieten. Ein Beispiel in Rahmen unserer Untersuchung wäre, wenn in einer Region alle zwei Jahre Vulnerabilitätsbewertungen im Bereich Klimawandel vorgenommen werden und hier stets eine gewisse Anzahl von BürgerInnen (z. B. Auswahl nach repräsentativen Kriterien aus der Grundgesamtheit und auf Basis des Prinzips der Freiwilligkeit) mitarbeiten. Ob diese institutionalisierten Beteiligungsmöglichkeiten letztendlich auch ausreichend genutzt würden, spielt für die Legitimität des Prozesses aus der Sicht liberaler Demokratietheorie keine Rolle. Die zweite Möglichkeit legt ihren Schwerpunkt auf partizipatorische Demokratievorstellungen. Handlungsanleitend für diese Vorgehensweise wäre das Selbstbestimmungsprinzip der Individuen. D.h. die Probleme im Rahmen der Klimawandelanpassung würden von den Menschen vor Ort selbst bestimmt und definiert werden und die Wissenschaft müsste sich dann diesen Themen auch annehmen.


Die Motivation aller beteiligten AkteuerInnen bestimmt den Projekterfolg wesentlich mit. Fördernd können zum Beispiel Konzepte zur Stakeholdermotivation und die Schaffung von Anreizsystemen, wie z.B. finanzielle Aufwandsentschädigungen oder mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten sein. Ein individueller Nutzen hilft, die Mitarbeit der einzelnen Personen auch über längere Zeiträume aufrecht zu erhalten. Zudem sollten die TeilnehmerInnen auch mit einem Verhandlungsmandat seitens ihrer Institution/Organisation ausgestattet sein, damit die Diskussionen und Ergebnisse sich verbreiten können. Aber auch diese Vorgehensweisen sprechen in erster Linie den Verstand und den Intellekt der Menschen an. Veränderung entsteht aber erst dann, wenn neben intellektuellen auch den emotionalen Zugängen Raum zur Verfügung gestellt wird. D.h. das Anreizsystem muss durch Strategien der positiven Beeinflussung der Gedanken und Gefühle der beteiligten AkteurInnen ergänzt werden, indem z.B. Themen Raum gegeben wird, die den teilnehmenden AkteurInnen wirkliche Anliegen sind. Neben einer sachlichen Auseinandersetzung könnten auch emotionale Aspekten (z.B. Ängste, Hoffnungen) miteinbezogen werden. Erst dann lösen Beteiligungsprozesse innere Wandlungsprozesse bei den TeilnehmerInnen aus, die dazu führen, dass diese ihre bisherigen Denk- und Handlungsmuster in Richtung Nachhaltigkeit verändern.


Generell besteht das Problem der transdisziplinären Forschung darin, dass es in der Literatur unzählige Vorschläge zur Verbesserung des partizipativen Prozesses gibt, es aber an konkreten Methoden zur Verbindung und Integration von wissenschaftlichen mit lokalen, indigenen oder Laien-Wissen mangelt. Ansatzweise finden sich die ersten innovativen Lösungsmöglichkeiten im Bereich der partizipativen Modellierung oder Computersimulationen (z.B. 3-D Visualisationen), Spielen und Softwarelösungen. Darüber hinaus ist transdisziplinäre Forschung erst dann erfolgreich bzw. ihr Wissen transferierbar, wenn die Forschungsergebnisse die in der Praxis vorhandenen Handlungslogiken der Politik, der Wirtschaft, der Bildung, des Rechts etc. berücksichtigen. D.h. für die Wissensintegration ist es entscheidend, diese Beschränkungen zu erkennen, zu respektieren und zu kommunizieren. 


Forschungsprojekte sind spezifische Organisationsformen, die mit gewissen Ressourcen ausgestattet sind. Sie unterliegen damit auch einer gewissen „Projektförmigkeit“. Was passiert aber nach Beendigung des Projekts? Bleibt die Kooperation aufrecht? In beiden untersuchten Projekten wurde diese Kooperationsmöglichkeit zwar angesprochen, aber letztendlich nicht verwirklicht. Es bleibt auf Grund der im Wissenschaftssystem beschränkten Zeit- und Ressourcenausstattung beim Ausblick, dies in etwaigen Folgeprojekten zu realisieren. Die Bedeutung der Rollenaufgabe der MultiplikatorIn wird während der Projekte enorm betont, nach dem Ende aber vernachlässigt bzw. der eigenen Verantwortung der TeilnehmerInnen überlassen. Als Ausweg aus diesem Dilemma könnten längerfristige und institutionalisierte Formen der Beteiligung eingebettet in konkrete Organisationsabläufe dienen (im Fall der genannten Forschungsprojekte zu Klimawandelanpassung zum Beispiel eigene Vulnerabilitätsbüros, Klimawandelanpassungseinrichtungen, etc.). Dort sollte es Raum und Zeit geben, die Inhalte und Ziele der partizipativen Projekte gemeinsam und frühzeitig festzulegen und es sollte auch die Möglichkeit geben, die eigentlichen Ziele zu verwerfen und andere Prioritäten zu setzen.


Fazit ist, dass die Messlatte für den Erfolg partizipativer Forschungsprojekte hoch angelegt ist und eine Vielzahl an Handlungsanleitungen und Kriterien berücksichtigt werden müssen. Transdisziplinäres Arbeiten ist in der Wissenschaft derzeit modern und wird von Fördergebern auch vehement eingefordert. Leider sind die finanziellen, zeitlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen der Beantragung, Durchführung und Beendigung  derartiger Vorhaben derzeit noch alles andere als förderlich für eine gute Partizipation. 

(1) Scherhaufer, Patrick; Grüneis, Heidelinde (2014): Herausforderungen und Grenzen partizipativer Projektarbeit – Zwei Beispiele aus der transdisziplinären Klimawandelanpassungsforschung und erste Lösungsansätze, Umweltpsychologie 18(2), 189-210.

Die auf der Webseite www.partizipation.at veröffentlichten "Standpunkte" geben die Auffassungen der AutorInnen wieder und müssen nicht jenen des BMLFUW entsprechen.

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