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Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

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Jay Rothman, The ARIA Group / Bar-Ilan University

Frage: Was wären Ihrer Meinung nach wirksame konkrete Schritte/Maßnahmen, um Polarisierungen entgegen zu wirken? Wie müssten (partizipative) Aktivitäten gestaltet sein, damit Menschen über Differenzen hinweg miteinander in Dialog treten?

Wie wir derzeit weltweit sehen, werden tiefe Meinungsverschiedenheiten oft in aggressiver Weise und entlang einer Wir-Gegen-Sie Dichotomie ausgelebt. Viele Menschen pflegen tiefe, manchmal sogar radikale, Meinungsverschiedenheiten (radical disagreement). Ob diese Zwistigkeiten nun aufgrund unterschiedlicher Meinungen und Weltbildern entstehen, oder weil die Personen durch Konflikte und Kriege Traumata erlitten haben – der übliche Zugang zu Polarisierung und Konflikten ist die Suche nach Übereinstimmung (agreement).

Mein Zugang geht in eine andere Richtung: Mir geht es darum, die Betroffenen so zu unterstützen, dass sie ihre Unterschiede im Hinblick auf ein gemeinsames Lernen und Veränderung nützen können. Radikaler Dissens ist dafür nicht notwendigerweise schädlich. Im Gegenteil, unsere demokratischen Gesellschaften hängen von der Fähigkeit ab Unterschiede auszudrücken. Aber wie können wir das erreichen?

Wie sehr eine gewisse Gesellschaft, eine Gemeinschaft oder Gruppe auch polarisiert sein mag: der wesentliche Schritt ist, die Unterschiede durch das Erzählen der persönlichen – und stark emotional aufgeladenen – Geschichten (narrative) dahinter zu würdigen. Sobald Individuen ausdrücken und hören können, warum ihnen und der Gegenseite ein bestimmter Konflikt, eine Erfahrung, oder einfach ein Projekt besonders am Herzen liegt, entfaltet sich ein Begegnungsraum zwischen ihnen. In diesem Begegnungsraum lernen die Personen einander genau zuzuhören und die jeweiligen Motivationen, Ängste und Hoffnungen der Gegenseite wahrzunehmen.

Diese „Warum-Frage“ führt nicht zu einer Aufhebung von Unterschieden. Aber es ermöglicht den Personen, auf die den Geschichten zugrundeliegenden Sorgen und Interessen zu fokussieren und damit zu beginnen, einen Raum für zukünftige Kooperation und Visionen zu schaffen. In meiner praktischen Arbeit als Konfliktberater, mache ich mir diese „Kraft des Warum“ (power of the why) als Startpunkt für den Aufbau emotionaler Schwungkraft für kooperative Veränderung zunutze.
 
Im Folgenden gebe ich zwei konkrete Beispiele für meine Methode ARIA / Action Evaluation.

Jezreel Valley College
Das Jezreel Valley College ist ein gemischter jüdisch-arabischer Universitätscampus in Israel. Ab 2014 nahmen über einen Zeitraum von zwei Jahren rund 100 Studierende, Verwaltungs- und Fakultätsmitarbeitern an einem partizipativen Dialogprozess, um größere Vielfalt am Campus zu verwirklichen. Der Prozess startete mit einem individuellen Online-Fragebogen für alle Teilnehmenden. Wir stellten folgende drei Fragen:

  1. WAS soll sich für einen gemeinsamen Raum von Arabern und Juden am College verändern?
  2. WARUM ist dies wichtig für dich?
  3. WIE können wir diese Elemente eines gemeinsamen Raumes am Campus realisieren?

 

Zunächst clusterten wir vom Prozessbegleitungsteam die online gegebenen Antworten. Danach trafen wir uns mit einzelnen Gruppen jüdischer und arabischer Studenten, mit jüdischen bzw. arabischen Mitgliedern der Verwaltung und einer gemischten Fakultätsgruppe und informierten sie über ihre je eigenen Antworten, und die Antworten der anderen Gruppen. Dann räumten wir den Teilnehmenden jeder Gruppe Zeit ein, die Warum-Frage zu vertiefen indem jeder seine persönliche Geschichte darüber mit den anderen teilte, warum ihm die Erreichung gewisser Ziele (abgeleitet aus den Antworten auf die 1. Frage) am Herzen liegt.

Die so gewonnene Geschichten verknüpften wir mit den Geschichten aus den anderen Untergruppen und spiegelten dies an die jeweiligen Ursprungsgruppen zurück. Basierend auf diesem wechselseitigen Eintauchen in die zugrundeliegenden emotionalen Hintergründe, machten sich nun gemischte Gruppen daran, einen Katalog von geteilten Zielen zu erarbeiten. Ein Ziel, das beispielsweise auf diesem Weg erarbeitet wurde, betraf die Förderung der arabischen Sprache und Kultur in allen baulichen, akademischen und sozialen Aspekten des Lebens am Campus. Das Ziel wurde von arabischen und jüdischen Studierenden sowie von Mitarbeitern der Verwaltung und Fakultät weithin geteilt und auch umgesetzt.

Jerusalem
Ein anderes praktisches Beispiel läuft gerade in Jerusalem. Der Zweck des Prozesses ist es, eine bottom-up Vision für eine bessere Zukunft in Jerusalem auf kommunaler Ebene zu entwickeln. In vier Bezirken der Stadt (zwei israelische und zwei palästinensische) wurden bisher Geschichten und Ziele von mehreren hundert Leuten getrennt (also pro Bezirk) gesammelt. Die Ziele sollen dann in kommunale Entwicklungspläne für die jeweiligen Gemeinschaften münden. In einem folgenden Schritt wird es darum gehen, Überschneidungen in diesen Zielen, Motiven und Aktionsplänen zu erforschen. In der letzten Phase des Projekts, schließlich, sollen Policy-Vorschläge von der Basis her formuliert werden, um das Entwicklungs- und Lebensniveau aller in Jerusalem zu heben. Das Projekt wurde 2017 gestartet und läuft bis 2019. Es wird durch die europäische Union finanziert.

>> Englische Originalversion

Quelle

  • Rothman, J.  (2018): Re-Envisioning Conflict Resolution: Vision, Action and Evaluation in Creative Conflict Engagement. Routledge: Routledge Studies in Peace and Conflict Resolution.

Jay Rothman ist Professor am Graduiertenprogramm für Konfliktlösung an der Bar-Ilan Universität in Israel. Zudem ist er Präsident der ARIA Group - einer Beratungsfirma für Konfliktlösung. Rothman ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. von "Re-Envisioning Conflict Resolution", das 2018 bei Routledge erschienen ist. 

 

 

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