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Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

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07/13 MICHAELA MOSER

Raus aus der Nische! Neue Organisationsmodelle jenseits von Mehrheits- und Basisdemokratie
© Heidi Harsieber

Michaela Moser ist Dozentin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung der FH St. Pölten und seit vielen Jahren in der österreichischen Armutskonferenz und im Europäischen Armutsnetzwerk EAPN engagiert. Sie begleitet u.a. das Partizipationsprojekt „Sichtbar werden“ der Armutskonferenz und sieht ihre Arbeit an den Schnittpunkten von Bildung, Forschung, Öffentlichkeits- und Empowermentarbeit mit einem zunehmend stärkeren Schwerpunkt auf Partizipation in Theorie und Praxis verortet. Als Teil des Wohnprojekts Wien, lebt und genießt sie seit beinahe drei Jahren die Vorzüge soziokratischer Organisation.

Kontakt: michaela.moser(at)fhstp.ac.at

Es war ein Prozess, der bei den Beteiligten starken Eindruck hinterlassen hat und als eine Art paradigmatische Wende im Sinne des Übergangs von einem Denk-, Entscheidungs- und Struktursystem in ein anderes bezeichnet werden kann. Die Beteiligten waren gut 50 Erwachsene und einige Jugendliche und Kinder, die sich erst wenige Wochen kannten und miteinander ein Wohnhaus bauen und so gestalten wollten, dass gemeinschaftliches gutes Leben für alle möglich wird und auch über das Projekt hinaus wirkt.

Zur ersten Nagelprobe wurde eine Verteilungsfrage, nämlich die der Wohnungen im geplanten gemeinsamen Haus. Wer darf in die begehrten oberen Stockwerke ziehen, wer bekommt die sonnigsten Wohnungen, wer steigt besser, wer schlechter aus? Das sind die Fragen, die sich in einem solchen Prozess stellen. Und es scheint von vornherein klar, dass es Gewinner*innen und Verlierer*innen geben wird, dass einige achselzuckend oder zähneknirschend akzeptieren werden, dass sie schlechter aussteigen oder das Projekt verlassen, weil das, was sie wollten mangels Glück oder Durchsetzungskraft nicht für sie verfügbar war.

Doch es geht auch anders: Einen Tag lang haben sich alle Zeit genommen, um miteinander zu einer guten Verteilung unter bestmöglicher Berücksichtigung aller Wünsche und Bedürfnisse zu kommen. Dabei wurden Methoden der Soziokratie und des Systemischen Konsensierens angewandt. Auf Basis der Antworten einer ausführlichen individuellen Befragung wurden von den verantwortlichen Architekt*innen mehrere Versionen der Wohnungsverteilung erarbeitet. Diese Versionen konnten von allen künftigen Bewohner*innen je nach Un/Zufriedenheit mit der Lage der eigenen Wohnung mit Widerstandspunkten versehen werden. 10 Punkte, wenn die eigenen Wohnung eine Lage hatte, wo man nie und nimmer wohnen würde wollen, 0 Punkte für die Traumlage. Danach wurde an der Variante mit den wenigsten hohen Widerstandspunkten weiter gearbeitet, Einwände und Enttäuschungen gehört, Vor- und Nachteil der einzelnen Lagen in Kleingruppen und im Plenum erörtert, Meinungen geändert und Wohnungen getauscht. Ja, es stimmt, auch Morgensonne kann angenehm sein und nein, der 1. Stock ist keineswegs ein dunkler Keller, sondern bedeutet das Grün der Bäume vor Augen und besten Blick auf das Geschehen im Park zu haben. Als am Ende dann scheinbar alle zufrieden waren, stellte sich heraus, dass die besonderen Bedürfnisse einer Bewohner*in nicht berücksichtig worden waren. Was tun? Mehrheitsdemokratisch wäre die Sache ein klarer Fall gewesen, basisdemokratisch wohl stundenlange weitere Diskussionen angestanden; hier stand das gemeinsame Projekt und seine Vision im Vordergrund und es war klar, dass es dem nicht entsprechen würde mit einem derartigen Ausschluss an den Start zu gehen. Da gab es berechtigte und schwerwiegende Einwände, wie die Soziokratie sie vorsieht. Und so wurde dann unter neuen Voraussetzungen – also mit dem Zusatzwissen um die vorhandenen speziellen Bedürfnisse – der Prozess neu aufgerollt, noch einmal Varianten gezeichnet, noch ein Tag investiert, noch einmal konsensiert und geredet und getauscht, bis schließlich alle eine für sie passende Wohnung hatten. Ohne dass jemand überstimmt werden musste, mit etwas zuätzlichem Zeitaufwand, aber auch ohne stundenlanges Diskutieren mit Open End.

Ich weiß, diese Geschichte bietet keine systematischen Einblicke, weder in die Soziokratie noch in Systemisches Konsensieren, aber sie gibt einen Geschmack davon, dass es auch anders geht. Dass es Möglichkeiten für die Organisation von Entscheidungsfindung in Gemeinwesen gibt, die jenseits bekannter mehrheits- oder basisdemokratischer Prozesse liegen. In Zeiten zunehmenden Politikverdrusses, abnehmender Wahl- und Volksbegehrensbeteiligung und misslingender Demokratiepakete brauchen wir den Blick auf diese Möglichkeiten. Und wir brauchen Entwicklungsarbeit, um Methoden, die in Baugruppen und Wohnprojekten, beteiligungsorientierten sozialen Organisationen und soziokratisch organisierten Unternehmen bereits funktionieren, auch für politische Gemeinwesen anwenden zu können. Das erste soziokratische Dorf, ein Minister*innenrat, in dem Entscheidungen systemisch konsensiert werden, wie ist das vorstellbar, was muss bedacht werden, welche Veränderungen im Vor- und im Umfeld braucht es? Wie können Bürger*innenräte in ein neues demokratisches System integriert, wie eine neue Dialogkultur in der Politik etabliert werden? Das sind nur einige der herausfordernden Fragen, die zu bearbeiten sind, wenn wir über die Zukunft der Demokratie nicht nur nachdenken, sondern an dieser auch ganz konkret arbeiten wollen. Da gilt es die vielen neuen und älteren Partizipationsansätze zusammen zu denken und zu überlegen, wie auch im Größeren und Ganzen möglich wird, was seit einigen Jahren in vielfältigen Projekten angewandt wird. PARTIZIPATION groß geschrieben quasi und als Gesellschaftsform, in der es Raum und Ressourcen für die Bedürfnisse und die Potentiale aller gibt, gute Methoden für Verhandlungen ihrer Verschiedenheiten und von Verteilungsfragen unter Berücksichtigung ihrer Gleichheit an Würde und Rechten. Es ist Zeit, dass die vielen Erfahrungen, die reiche Expertise, wie sie nicht zuletzt hier auf dieser Plattform versammelt ist, sich nicht länger auf Einzelprojekte und ergänzende Initiativen beschränkt und wir gemeinsam investieren in den Um- und den Neubau politischer Gemeinwesen, damit diese besser erfüllen können, wozu sie eigentlich da sind: als politische Strukturen dem guten Leben aller zu dienen.

Juli 2013

© Foto: Heidi Harsieber

Die auf der Webseite www.partizipation.at veröffentlichten "Standpunkte" geben die Auffassungen der AutorInnen wieder und müssen nicht jenen des BMLFUW entsprechen.

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