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05/11 ANDREA BREITFUSS

Partizipation stört - lassen wir es zu!
Foto: kon-text

A. Breitfuss ist Stadt- und Regionalplanerin und Soziologin. Sie ist Inhaberin von kon-text  – einem Ingenieurbüro für Raumplanung in Wien. Kon-text bietet Beratung und Forschung in den Feldern Stadterneuerung/ Stadtteilmanagement, Lokale Agenda 21, Sozialverträgliche Projektentwicklung, Sozialraumanalyse, Gemeinwesenarbeit, Mediation sowie Organisationsentwicklung für Städte und Gemeinden.
Kontakt: andrea.breitfuss(at)kon-text.at ; http://www.kon-text.at/

Partizipation ist in Aller Munde

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat die Anzahl der Partizipationsverfahren deutlich zugenommen. Überall in städtischen, ländlichen und regionalen Kontexten stoßen wir auf „best-practice Beispiele“ der Beteiligung von BürgerInnen und auch in politischen Äußerungen gehört es zum guten Ton, das Wort „Partizipation“ zumindest in den Mund zu nehmen.

Partizipation frustriert

Spricht man jedoch mit beruflich mit Partizipationsprozessen befassten Menschen, so klingen oftmals Frustration und Skepsis durch. Auf der Seite der Auftraggeber gibt es nach wie vor Bedenken, dass Beteiligungsverfahren (zu) lange dauern, dass sich vor allem die Lauten durchsetzen könnten, dass das Ergebnis fachlich schlecht(er) sein könnte als ExpertInnenplanung und schließlich, nicht immer offen geäußert, die Befürchtung, dass man selbst als ExpertIn oder PolitikerIn nichts mehr zu entscheiden hat. Auch das Auslösen von Unruhe durch ein Partizipationsverfahren ist eine weit verbreitete Befürchtung: man könnte sich Arbeit oder Ärger einhandeln, den man ohne das Verfahren nicht hätte.

Auf der Seite der Beauftragten hören wir von nicht ernst gemeinten Motivationen, die hinter der Beauftragung eines Beteiligungsverfahrens stehen können: dem Verdacht, dass es als „Feigenblatt“ verwendet werden soll, um damit eine schon vorhandene eigene Meinung „zu bestätigen“, als „Ablenkungsmanöver“, um kritische Stimmen zu beschäftigen, oder einfach „weil man das heute halt so macht“. Aber auch eine unklare Linie während des Prozesses, sei es durch wechselnde Personen und Zuständigkeiten, sei es durch geänderte Sichtweisen oder Rahmenbedingungen oder durch regelmäßig „von oben“ hereinbrechende Interventionen von Vorgesetzten stören das Verfahren.

Spricht man mit „Insidern“ wird deutlich, dass die Etablierung von Beteiligungsverfahren noch längst nicht so selbstverständlich ist, wie man meinen könnte. Warum ist das so?

Partizipation stört

Viele AuftraggeberInnen von Partizipationsprozessen gehen davon aus, dass Partizipation etwas ist, das „nach außen“ abgegeben werden kann. Sie haben die Vorstellung, dass im Inneren ihrer Organisation alles so bleiben kann, wie es ist und am äußersten Rand, sozusagen „at the end of the pipe“ wird ein Beteiligungsverfahren „drangehängt“. Leider ist dem nicht so. Beteiligungsverfahren verändern – notgedrungen die Wege der Entscheidungsfindung. Um diese Veränderung zu verstehen ist die Beschreibung partizipativer und nicht-partizipativer Entscheidungsprozesse des Planungstheoretikers Klaus Selle äußerst hilfreich.

Den von ihm als „Dead-Modell“ bezeichnete Prozess der traditionellen hierarchischen Entscheidungsfindung finden wir immer noch in vielen großen Unternehmen und Verwaltungen. Entscheidungen werden im kleinen Kreis vorbereitet, intern beschlossen und danach erst nach außen verkündet. Wenn es dann Diskussion über oder Kritik an dem Ergebnis gibt, bleibt den an der Entscheidungsfindung Beteiligten eigentlich nur noch eins: sie müssen das oftmals in mühevoller Arbeit und vielleicht aufwändig intern abgestimmte Ergebnis verteidigen, denn jede Kritik daran würde zu Verzögerungen und Gesichtsverlust führen.

Der Versuch, in solche Abläufe mehr Beteiligung einzubauen, ohne diese Entscheidungswege zu verändern, etwa indem man nach dem internen Beschluss ein Beteiligungsverfahren „anhängt“, kann nur zu Frustration führen, weil die Entscheidungen eigentlich schon getroffen sind. Wenn dies dann noch nicht einmal nach außen kommuniziert wird, werden die BürgerInnen und ihr Engagement nicht ernst genommen. Eine Möglichkeit wäre hingegen, das Beteiligungsverfahren nach der internen Beratung einzufügen und danach auf Basis der Ergebnisse des Beteiligungsverfahrens einen Beschluss zu fassen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, die interne Entscheidungsbox aufzubrechen und eine klare Kommunikation des Ablaufs und der Entscheidungsspielräume.

Dem „Dead-Modell“ stellt Selle ein kooperatives Modell der Entscheidungsfindung gegenüber, das quasi den Idealfall eines kooperativen Entscheidungsprozesses darstellt.

Schon in der Analyse der vorhandenen Situation (kooperativ sammeln) ebenso wie bei der gemeinsamen Beratung und bei der Umsetzung wird eine Vielzahl an Beteiligten einbezogen. Wer entscheidet ist vorweg nicht festgelegt. Die Entscheidung kann sowohl kollektiv erfolgen, als auch an eine zuständige Stelle oder Person abgegeben werden. Wichtig ist jedoch, dass dieses Vorgehen ebenso wie die Entscheidung selbst begründet wird und auf den ersten beiden Schritten, dem kooperativ Sammeln und gemeinsam Beraten aufbaut. 

Dieses Vorgehen entlastet auch Entscheider und ist geeignet, um komplexe Aushandlungsprozesse in großen Gruppen durchzuführen.

Partizipation verändert die Abläufe

In der Gegenüberstellung der beiden Entscheidungswege wird deutlich, dass Partizipation nicht einfach an bestehende Abläufe und Verfahren „hinten angehängt“ werden kann. Genau darin besteht die zentrale Herausforderung von Beteiligungsverfahren für die AuftraggeberInnen: Partizipation verändert!

Gute Partizipation hängt ganz wesentlich von der Wahl des richtigen Zeitpunkts ab: Die richtigen Schritte müssen zum geeigneten Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge stattfinden. Nun treffen diese Schritte im Partizipationsverfahren meist auf Verwaltungsabläufe, die nicht neu erfunden werden, sondern schon lange bestehen und die eingespielte explizite und implizite Regeln beinhalten. Eingespielte Abläufe aber haben ein deutliches Beharrungsvermögen, sie werden als unveränderliche Rahmenbedingungen empfunden und behindern oder schränken damit oft die Möglichkeiten des Beteiligungsprozesses ein. Ernst gemeinte Partizipation verändert die internen Abläufe in Verwaltungen oder Unternehmen.

Partizipation verändert die Unternehmenskultur

In größeren Organisationen werden Partizipationsprozesse oft nicht von den eigentlichen EntscheidungsträgerInnen kontinuierlich betreut, sondern von in der Hierarchie weiter unten stehenden MitarbeiterInnen, deren Handlungs- und Entscheidungsspielräume geringer sind und die auf eine möglichst weit reichende Reduktion von Unsicherheit angewiesen sind. Ausgeprägte interne Hierarchien erschweren daher Partizipation.

Partizipation stört – lassen wir es zu!

Gute und sinnvolle Partizipation kann man also nicht einfach an vorhandene Abläufe und Entscheidungsketten „anhängen“ und ansonsten weiter nach bewährten Mustern handeln, denn Partizipation verändert die Wege der Entscheidungsfindung und den Umgang im Unternehmen oder in der Verwaltung. Partizipation nach außen braucht auch mehr Partizipation innerhalb der Verwaltung / des Unternehmens und verändert damit auch die Unternehmenskultur im Inneren! Um diesen Prozess gemeinsam umzusetzen, braucht es verlässliche PartnerInnen auf beiden Seiten (AuftragnehmerInnen und AuftraggeberInnen), Mut zu Neuem, Vertrauen und Verbindlichkeit sowie klare Regeln und eine aktive Kommunikation.

Die Veränderung von Unternehmenskultur braucht Zeit und ist letztlich ein Schritt zu stärkerer Demokratisierung. Also heißt es: „Geduld haben“ und viel und klar beraten.

Andrea Breitfuss, kon-text, im Mai 2011

Literatur:
Selle, Klaus (Hrsg.) 1996: Planung und Kommunikation. Gestaltung von Planungsprozessen in Quartier, Stadt und Landschaft. Grundlagen, Methoden und Praxiserfahrungen. Wiesbaden & Berlin: Bauverlag

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