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Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

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07/09 WOLFGANG GERLICH

"Blended Participation"

DI Wolfgang Gerlich

Geb. 1966 in Wien, studierte Landschaftsplanung an der Univ. für Bodenkultur Wien, absolvierte Ausbildungen zum Moderator und Moderationstrainer sowie in den Bereichen Organisationsentwicklung und PR. Er ist seit 1997 geschäftsf. Gesellschafter des Büro PlanSinn (www.plansinn.at) mit den Tätigkeitsschwerpunkten Partizipation, Prozesssteuerung, Wissenschaftskommunikation und PR. Darüber hinaus ist er seit 1994 als Univ. Lektor an der Boku Wien, TU Wien und der HSA Luzern tätig und arbeitet als Trainer, u. a. in der Personalentwicklung der Univ. Wien und der Kepler Univ. Linz

Kontakt: gerlich(at)plansinn.at

Seit Barack Obamas überraschend erfolgreicher Wahlkampagne, die in besonderer Weise die Möglichkeiten der Internetkommunikation nutzte, ist in öffentlichen Institutionen konstruktive Verunsicherung zu spüren: sollten wir nicht auch ...

An Web 2.0 führt inzwischen kein Weg mehr vorbei; Verwaltungen, Politik NGOs und NPOs ringen um Formen des Engagements in sozialen Netzwerken. Schwer tun sich dabei naturgemäß jene Institutionen, die durch traditionelle Organisationskulturen und starke Reglementierung geprägt sind und schwer einen Umgang mit der Dynamik, Offenheit und Unberechenbarkeit von Facebook, Youtube, Twitter, Flickr und co. finden. Paradoxerweise geht es für sie nicht mehr darum: wie und woran lassen wir Partizipation zu, sondern: wie können wir partizipieren?

In ersten Ansätzen werden inzwischen zunehmend Web 2.0 Anwendungen erprobten und gelebten Formen der Real-life-Partizipation als Zusatzmodul „beigestellt“. Dabei geht es weniger um ehrliches Interesse am Diskurs oder an deliberativer E-Democracy als um eine Pflichtübung im Dienste eines zeitgemäßen Auftritts. So manches aufwändige und teure Projekt wird dann durch getarntes Engagement der BetreiberInnen künstlich am Leben gehalten bzw. Lebendigkeit suggeriert.

Gleichzeitig gewinnt die Vorstellung, dass Partizipation über elektronische Kanäle wahre Wunder wirken wird, immer mehr AnhängerInnen. Der Digital Divide (1) sei inzwischen praktisch irrelevant, die Unabhängigkeit von Ort und Zeit werde Zugangsschwellen senken. Stimmt schon, es sind weniger, die keinen Zugang haben bzw. finden. Aber gerade diese müssen in Partizipationsprozessen Raum und Aufmerksamkeit genießen, sonst droht in der Ökonomie der Aufmerksamkeit keine Zweidrittelgesellschaft sondern eine noch viel stärker polarisierte 4/5 Gesellschaft. Aktuelle Ansätze der E-Participation folgen inzwischen zunehmend jenen Prinzipien, die in der Sozialarbeit vor etwa 20 Jahren begonnen haben: aufsuchende, niederschwellige, lebensweltorientierte Angebote. In der Anwendung dieser Prinzipien stehen vor allem öffentliche Institutionen erst am Beginn.

Spannend wird die Sache, wenn die Verbindung – besser Verschränkung – von realer, Face-to-face Partizipation mit elektronischen Angeboten ernsthaft versucht wird. Nicht dass dazu viele Best Practice Beispiele existieren. Aber sie werden es bald müssen, denn Meinungsbildung findet in virtuellen Communities und Diskussionsräumen immer schneller und effektiver statt. Aus meiner Sicht liegt die Zukunft in qualitätsvoller „Blended Participation“ in Anlehnung an die Ansätze von „Blended Learning“ (2). In diesem Sinne wäre eine „Blended Participation“ eine zeitgemäße Form von Mitwirkung und Mitentscheidung, bei der herkömmliche  Beteiligungsmethoden (Workshops, BürgerInnenforen) sowie E-Participation in einem flexiblen und zeitlich aufeinander abgestimmten Prozess miteinander verschränkt würden. Und das nicht in immer wieder neuen Schrebergärten der einzelnen Institutionen, sondern durch ein mutiges Einklinken in bestehende Netze. Das wird aber auch einen offenen Umgang mit Kritik, Widerspruch und kognitiven Dissonanzen erfordern. Auf die Menschen zugehen, real und virtuell, bringt Erfolg. Nicht erst seit Obama.

(1) Anm. d. Red.: Digital Divide wird im Deutschen mit „digitaler Bildungskluft“ übersetzt. Gemeint ist, dass die Chancen des Zugangs zum Internet bzw. anderen digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ungleich in der Gesellschaft verteilt sind.

(2) Anm. d. Red.: Der Begriff Blended Learning bezieht sich auf ein integriertes Lernen, d.h. auf jene Lernform, bei der die Vorteile der Präsenzveranstaltungen und des E-Learning (elektronisches Lernen) kombiniert werden.

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