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Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

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10/09 SEBASTIAN HELGENBERGER

Mut zur transdisziplinären Auseinandersetzung

Sebastian Helgenberger, Diplom Umweltwissenschafter

ist Dissertant am Doktoratskolleg Nachhaltige Entwicklung der BOKU Wien und beschäftigte sich im Rahmen von Studien- und Forschungsaufenthalten an mehreren europäischen Universitäten mit den Beweggründen und Möglichkeiten von partizipativen Forschungsprojekten. In seiner Dissertation widmet er sich der Anpassungsfähigkeit österreichischer Tourismusunternehmen im Hinblick auf den Klimawandel.
 
Kontakt: sebastian.helgenberger(at)boku.ac.at , www.dokne.boku.ac.at

Transdisziplinarität ist, wenn WissenschafterInnen und Nicht-WissenschafterInnen die gemeinsame Anstrengung unternehmen, ein Problem oder eine Frage zu beforschen, die für beide Seiten relevant ist. Diese Form des gemeinschaftlichen Forschens ist in der Tat anstrengend. Denn innerwissenschaftliche Kooperationen finden in Gruppen statt, die sich um ähnliche Sichtweisen, Wertvorstellungen oder Interessen gefunden haben – meistens sind das bestimmte wissenschaftliche Disziplinen. Transdisziplinarität hingegen bedeutet die Zusammenarbeit mit Menschen, die womöglich ganz andere Ideen, Sichtweisen und Interessen haben. Warum sollte eine Forscherin, ein Forscher also so etwas tun?
Traditionell trägt die Wissenschaft, d.h. die jeweiligen Forschenden, die Verantwortung für die Gestaltung und Durchführung eines Forschungsprojekts. Außerwissenschaftliche Akteure spielen im Forschungsprozess im Normalfall nur als InterviewpartnerInnen eine Rolle. Eine fragt, einer antwortet. Eine inhaltliche Auseinandersetzung und Diskussionen mit den Nicht-WissenschaftlerInnen finden meist nicht statt. Entgegnungen wie „Das sehe ich aber anders!“ sind nicht vorgesehen; die Rollen sind klar verteilt.
Transdisziplinäre Forschung ermöglicht es, diese Rollen neu zu bestimmen und dadurch zu neuen Erkenntnissen zu gelangen – drei Thesen aus der Sicht des Wissenschaftlers:

These 1: Exzellente Forschung entsteht durch nicht trotz Partizipation

Bearbeite ich mein Forschungsvorhaben transdisziplinär, werde ich mit unerwarteten, mir nicht vertrauten Sichtweisen konfrontiert. Diese Konfrontation eröffnet uns als Forschenden die Möglichkeit, unsere Denkmodelle die durch wechselseitige Versicherung und den Konformitätsdruck innerhalb der eigenen Community mit der Zeit erstarrt sind, wieder zu öffnen, zu erweitern und umzubauen. Unkonventionelle, bislang ungedachte Problemverständnisse und -lösungen, Heureka!-Rufe von uns Forscherinnen und Forschern werden so wahrscheinlicher. Und das ist genau das, nachdem sich jeder von uns  aufrichtig sehnt!

These 2: Harmonie ist der Erkenntnis Tod

Kaum jemand stellt die eigene vertraute Sicht gerne in Frage, anhand derer wir die Welt verstehen und in kleinen oder großen Schubladen sortieren, um der Welt damit unseren Sinn zu verleihen. Indes erlaubt uns WissenschaftlerInnen gerade die Notwendigkeit, sich in der transdisziplinären Forschung mit anderen Sichtweisen auseinandersetzen zu müssen, unsere eigenen Standpunkte zu verlassen und diese kritisch zu hinterfragen. Dabei werden alte und gewohnte Denkstrukturen aufgebrochen. In dieser Auseinandersetzung mit dem Unvertrauten liegt die Chance zum Heureka!-Ruf.
Ein ordentlicher inhaltlicher Streit, laut oder leise, zwischen ProjektpartnerInnen ist ein Anhaltspunkt dafür, dass die Beteiligten aufeinander angewiesen sind und sich über eine gemeinsame Entscheidung über Thema, Projektstruktur, Aufgaben „zusammenraufen“ müssen. Sonst würden sie nicht streiten, sondern allenfalls gegenseitig informieren. Im Sich-Auseinandersetzen-Müssen liegt die Quelle der Erkenntnis: Bei gleichberechtigter Partnerschaft verlangt eine Auseinandersetzung von allen Beteiligten, die anderen zu verstehen, um deren Ebene mit der Eigenen in Einklang zu bringen.
Zwei beliebte Varianten, um diesen Erkenntnisgewinn in partizipativen Forschungsprojekten zu umgehen:
(1) Fragen und Aufgaben der gemeinsamen Arbeit werden mit kapazitösen Wortgefäßen definiert. Diese ermöglichen es allen Mitwirkenden, ihre individuellen Interpretationen und Denkmodelle reibungsfrei nebeneinander zu stellen.
(2) Eine Person oder Gruppe, die sich verantwortlich für die Gesamtleitung des Projekts fühlt – im Normalfall sind das die WissenschafterInnen – trifft eine Entscheidung über die dann von allen zu bearbeitenden Fragen und Aufgaben. Womit die Rollen wieder klar verteilt wären und es keiner tieferen Diskussion mehr bedarf.

These 3: Verantwortung schafft Teilhabe – Teilhabe schafft Verantwortung

Die Auseinandersetzung mit unvertrauten Sichtweisen nötigt einiges ab: Zeit, Anstrengung – zuvorderst braucht es jedoch den Willen der Beteiligten. Je eher und je mehr die Beteiligten aus Praxis und Wissenschaft ihre Interessen in das Forschungsprojekt einbringen können, umso stärker werden sie sich in der Folge einbringen: Weil es ‚ihr‘ Projekt geworden ist.
Je eher deshalb, da in der Frühphase von Forschungsprojekten die entscheidenden Weichen gestellt werden. Hier entscheidet sich für alle Beteiligten, ob es ihre eigenen Fragen sind, die behandelt werden und ob sie Antworten erwarten können, die ihnen persönlich weiter helfen. Oder ob sie (wie in der nicht-transdisziplinären Forschung) nur hilfreich beiseite stehen, damit eine andere Partei ‚ihre‘ Antworten finden kann.
Je mehr darum, weil sich durch den Grad der an die Beteiligten übertragenen Verantwortung entscheidet, welches Gewicht die einzelnen Stimmen im Forschungsprozess haben und wie stark jeder und jede einzelne das Projekt durch die eigenen Sichtweisen und Interessen prägen kann. Hier wird klar, inwieweit es das Projekt jedes und jeder Einzelnen wird, für dessen Verlauf und Ausgang sie bereit sind sich zu streiten, Verantwortung zu übernehmen; sich „vor- statt zurückzulehnen“.
Cornelia Ehmayer bringt es in ihrem Standpunkt vom Mai 09 auf den Punkt: Partizipation braucht die Begeisterung der Partizipierenden – und Emotionen! Die Übertragung von Projektverantwortung und das Einbeziehen der Nicht-WissenschafterInnen in den Forschungsprozess fördert die Begeisterung der Partizipierenden und weckt Emotionen. Projektverantwortung abzugeben und diese anzunehmen – beides erfordert Mut. Unser Mut könnte belohnt werden!

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