Inhaltsbereich überspringen und zur Navigation springen Logo
Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa

home kontakt impressum datenschutz sitemap english version

 
drucken Seite druckenSchriftgröße     

12/09 MONICA LIESCHKE

Partizipation lernen

Monica Lieschke, Forum Umweltbildung

ist seit 25 Jahren in der Umweltbildung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung tätig, leitete 20 Jahre lang das Forum Umweltbildung, wo sie heute primär an der Entwicklung von Projekten zur Bildung für Nachhaltige Entwicklung und im Bereich der Nachhaltigkeitskommunikation arbeitet (u. a. zu den Schwerpunkten Nachhaltiger Konsum, Kunst und Nachhaltigkeit, Jugend, Lebensstile). Zusätzlich: Veranstaltungsdesign, Projektentwicklung, -beratung und Mentoring in freiberuflicher Tätigkeit in Deutschland und Österreich.

Kontakt: monica.lieschke(at)umweltbildung.at

Im Kern einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung: Partizipation als Gestaltungskompetenz

Projekte, Anlässe, Formen und Methoden der Beteiligung Jugendlicher werden zahlreicher, vielfältiger und besser dokumentiert, daher auch „sichtbarer“. Auch wenn sie noch immer eher Ausnahme und Highlight denn Alltag sind, scheint einiges in Bewegung zu kommen …

Da machen zwei Studentinnen auf facebook ihrem Unmut über „rechte Töne“ und den Stil im Wahlkampf Luft und organisieren kurzerhand eine Lichterkette vor dem Parlament mit Tausenden TeilnehmerInnen. SchülerInnen eines Ortes sind die Preise der angesagten Fitness-Studios viel zu hoch, in Kooperation von Schule und Gemeinde und einem Verein kommt eine viel preiswertere „multifunktionale“ und selbstverwaltete Alternative zustande. Klassen einer ÖKOLOG-Schule setzen ihre Schwerpunkte für die nächsten Jahre selbst, Bedürfnis- und Lehrplan-„kompatibel“. Der Nachbarschaftsgarten des Vereins Gartenpolylog in der Wiener Heigerleinstraße bietet einen fruchtbaren Boden für aktive Begegnungen von AnrainerInnen und SchülerInnen mit und ohne Migrationshintergrund, es blüht und gedeiht …

Seit nunmehr 10 Jahren rückt Partizipation ins Zentrum der Gestaltungskompetenzen (de Haan, 1999), deren Förderung Ziel einer Bildung für nachhaltige Entwicklung ist. Sie ist eng verwoben mit den anderen Teilkompetenzen – wie Weltoffenheit; Mehrperspektivität; Interdisziplinarität; Fähigkeit, andere und sich selbst motivieren können; eigene Leitbilder und die anderer reflektieren zu können –, die allesamt in partizipativen Projekten und Prozessen erforderlich und förderlich sind, aber auch gefördert werden können.

In schulischen und außerschulischen Projekten, vermehrt aber auch bei Wettbewerben und Förderungen, wird zunehmend das „Kriterium“ Partizipation nachgefragt, zumindest deskriptiv. Die laufende UN-Dekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ trägt noch stärker dazu bei: Es entsteht ein Klima „sozialer Erwünschtheit“, das sich auch in vielen Projekt-Beschreibungen widerspiegelt. Man spürt das Bemühen und die Haltung des „Man kommt darum wohl nicht herum“, „Man sollte darum bemüht sein“, ist sich bewusst, dass dies erwartet wird. Die Nachvollziehbarkeit von Form und Ausmaß der Beteiligung ist dabei sehr unterschiedlich. Manches bleibt vage oder unverbindlich, anderes verblüfft: Wie ist das dort möglich? Was ist das Geheimnis dahinter?

Doch diese soziale Erwünschtheit („Tendenz, scheinbar gesellschaftlich erwartete/akzeptierte Antworten bei einer Befragung zu geben …“) kann auch ein erster wichtiger Schritt sein – zu einem gesellschaftlich förderlichen Klima der Partizipation auf dem Weg zu einer Kultur der Partizipation, wie sie z.B. in einigen skandinavischen Ländern schon Alltag und politische Realität ist.

Partizipation als Voraussetzung, Weg und Ergebnis nachhaltiger Prozesse ist selbst ein Lernprozess. Dabei gilt es, Räume und Raum für die Beteiligung von Jugendlichen zu definieren, zu erweitern oder neu zu schaffen, wo immer sinnvoll und möglich – sie „ernsthaft“ und spielerisch, fundiert, qualifiziert und alltagsnah in Entscheidungsprozesse ihrer Lebenswelt einzubinden … jugendgemäß und nicht „Mittelschichten-adäquat“.
Denn auch Defizite können klar benannt werden: Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau, die nicht verbandlich organisiert sind, und Jugendliche mit Migrationshintergrund gelingt es bisher am wenigsten einzubinden.

Die Partizipationsspirale

Hoffnung gibt hier vor allem eine Beobachtung aus der Bildungspraxis: Erfolgreich erlebte Beteiligung und der Erwerb von Kompetenzen in einem Lebensbereich haben positive Auswirkungen auf den anderen. Positive Erfahrungen in partizipativen Prozessen in der Schule haben günstige Auswirkungen auf Beteiligung in der Freizeit und in der Gemeinde, letztlich auf politische Beteiligung. Je vielfältiger und positiver die Möglichkeiten und Erfahrungen, desto mehr werden diese gesucht.
Dabei geht es letztlich um Vertrauen auf ein persönliches und gesellschaftliches Veränderungspotenzial als einer wesentlichen Zukunftskompetenz, ein Vertrauen, das sich auf (positive) Erfahrungen gründen und wachsen darf. Dieses Phänomen ließ sich auch in einer groß angelegten Evaluation der Deutschen Bertelsmann Stiftung untermauern und fand in der Partizipationsspirale (siehe unten "Quellen") ihren Niederschlag.
Annäherungen, Kooperationen und Transfer zwischen Schule und Freizeit, Schule und Gemeinde, schulischer und außerschulischer Bildung, virtuellem und realem Raum sind hierbei zukunftsweisend. Aber auch im Kleinen, in alltäglichen Entscheidungen in der Familie und in der Schule, findet Empowerment zu Beteiligung statt.

Engagement schwappt auch vom virtuellen in den realen Raum. Die Möglichkeiten und Chancen, das Web2.0 für nachhaltige, soziale, politische Beteiligung effizient zu nutzen, erkunden Jugendliche selbst rascher als Bildungseinrichtungen. Man verabredet sich im Chatroom und gewinnt „draußen“ öffentlichen Raum zurück für seine Anliegen. Das Erlebnis, rasch eine Community mit ähnlichen Interessen und Anliegen nicht nur im Netz zu finden, sondern vor Ort mobilisieren zu können, ist wahrscheinlich ähnlich abenteuerlich, wie es für die Eltern der Web-Generation war, „in der Au“ zu sitzen.

Egal ob beim Guerilla-Gardening, Permanent Breakfast oder „Flashmob“: Auch wenn uns diese neue Formen politischer Beteiligung teilweise sehr fremd sind, sind sie doch ein recht deutliches Signal (mancher) Jugendlicher, sich einmischen zu wollen - bei einem Wahlalter ab 16 umso wichtiger. Ebenso sind bereits positive und innovative Rückwirkungen aus dem Web in reale partizipative Bildungsformate wie etwa SocialBars zu beobachten, deren Inhalte von den TeilnehmerInnen selbst bestimmt oder auch eingebracht werden.

Quellen

Gestaltungskompetenzen: http://www.transfer-21.de/index.php?p=222

Partizipationsspirale: Website des invo – Service für Kinder- und Jugendbeteiligung in Vorarlberg http://www.invo.at/download/partizipationsspirale (gesichtet am 24.06.2009)

Empfohlene Literatur

Ködelpeter Thomas, Nitschke Ulrich (Hg.): Jugendliche planen und gestalten Lebenswelten. Partizipation als Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel.
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008. ISBN 978-3-8350-7016-5

Umweltdachverband (Hg.): Aktiv mitgestalten – in der Schule, um die Schule. ÖKOLOG-Schwerpunkt Partizipation. Wien, Februar 2006. ISBN 3-900717-60-5
Hier findet sich eine ausführliche Projekt- und Methodensammlung, sowie ein umfangreicher Serviceteil und eine Linksammlung

Links und weiterführende Hintergrund-Materialien auch auf
www.umweltbildung.at
www.bildungslandschaft.at
www.mitWirkung.net

Sie haben einen Kommentar zu diesem Standpunkt, den Sie gerne veröffentlichen wollen? 
>> Schreiben Sie uns!